Am Frunse-Ufer, gleich neben dem Gebäude für das Oberkommando des Heeres, sitzen die Fachleute für Russlands Überlebenskampf.

"Seit dem Absturz des malaysischen Flugzeugs läuft ein massiver internationaler Propagandakrieg gegen Russland." Das sagt Andrej Fefelow, stellvertretender Chefredakteur der Zeitung Sawtra. Ihre Auflage soll bei hunderttausend liegen, die Redaktion aber ist klein und arbeitet in einer dunklen, unscheinbaren Erdgeschosswohnung. "Wir bereiten uns im Land auf eine Blockade vor." Russland werde dämonisiert und isoliert. Aber man gebe nicht nach. Während die ukrainische Offensive gegen Donezk rollt, erinnert Fefelow an die eingekesselten sowjetischen Städte im Zweiten Weltkrieg. Er prophezeit: "Nun wird der Partisanenkrieg beginnen." In Donezk wie Odessa.

Nur eine Fantasie?

Krieg lässt sich nicht planen, selbst nicht von einem so mächtigen Mann wie dem russischen Präsidenten. Der Abschuss des Flugzeugs MH17 ist so eine Kriegsüberraschung. Die Welt kocht vor Empörung über Russland. In Russland wachsen die Barrikaden gegen die Welt. Seit der Annexion der Krim weht ein gewaltiger Sturm des Patriotismus. Putin hat ihn entfacht und gedachte ihn zu kontrollieren. Doch nun kommen die Radikalen nach oben. Eine Zeitung wie Sawtra war vor Jahren marginal, unwichtig. Jetzt werden Meinungen der Redaktion Allgemeingut. Das setzt Putin unter Druck und engt ihn ein – auch in seiner Reaktion auf den Flugzeugabsturz. Bisher war er, der Präsident, Herr der Inszenierung. Jetzt setzen sich andere an die Spitze der nationalen Bewegung, mit immer radikaleren Forderungen.

Im Büro der Zeitung Sawtra steht ein halbhoher Schrank, der wie ein Altar hergerichtet ist. Darauf leuchten Sowjetsterne neben orthodoxen Kreuzen, Panzermodelle und in der Mitte ein großer, byzantinischer Doppeladler aus Porzellan. Aus dem Hals wachsen ihm zwei verzierte Ausgüsse für den Wodka im Bauch. Um die Schwingen hängt eine rote Banderole, auf der "J. W. Stalin" steht. Der Altar zeigt das Weltbild russischer Nationalisten: christlich-orthodoxen Stalinismus. Was für das ungeübte westliche Auge nicht zusammenpasst, geht im heutigen Moskau eine blühende Symbiose ein. Das rote und das weiße Russland, Stalinismus und Zarenherrlichkeit, Sozialismus und Orthodoxie. Alles, was Russland groß wirken lässt, passt zusammen – oder wird passend gemacht.

An der Sowjetunion fasziniere ihn die asketische Bescheidenheit des Lebens, erklärt Fefelow. "Das hatte sie mit der Orthodoxie gemeinsam." Auch die sei gegen das "Gepränge", das leider heute in Russland herrsche. Sein Land sei viel zu abhängig vom internationalen Kapitalismus – und damit von den USA, die überall die Bedingungen diktierten. Aber unter Putin mache sich Russland wieder unabhängig. Jetzt fehle nur noch eine Partei, die die Korruption so hart bekämpfe wie einst Stalin.

Sechs von zehn Russen finden den Kurs gegen Kiew richtig

Russen, die so denken, stehen in der Ukraine an vorderster Front. Sie befehligen die Separatisten in Donezk, nennen sich Ministerpräsidenten und Kommandeure. Andrej Fefelow kennt sie alle. Sie sind gemeinsam auf Universitäten gegangen und über Schlachtfelder gestapft. Mit dem Separatisten-Kommandeur von Donezk, dem legendären Igor Girkin alias Strelkow, fuhr er vor 14 Jahren in einem Jeep durch das zerstörte tschetschenische Grosny. "Der kannte dort jeden Stein." Strelkow und der Ministerpräsident der Volksrepublik Donezk, Alexander Borodaj, sind Militärhistoriker. In den neunziger Jahren erwärmten sie sich mit befreundeten Schriftstellern, Regisseuren, Philosophen am Nachstellen historischer Schlachten und an echten Kriegen. Einige von ihnen kämpften in Bosnien, in Serbien, in Tschetschenien. In Russland standen viele von ihnen 1993 aufseiten der Opposition gegen Präsident Jelzin im blutigen Kampf um das Parlament. Viele schreiben selber in Sawtra oder auf Netzseiten mit ähnlicher Ausrichtung. Früher galten sie als schräg und extrem. Doch dann kehrten unter Putin Sowjetnostalgie und Sehnsucht nach Weltgröße zurück. Deshalb spielen heute die russischen Radikalen die Hauptrolle im Krieg gegen die Ukraine – und kämpfen für ein Land, das sie "Noworossija" (Neurussland) nennen.