Otto Waalkes während seines Programms "Geboren um zu blödeln", am 13. Mai in Zürich © EPA/ENNIO LEANZA/dpa-Bildfunk

Otto Waalkes ist etwas blass um die Nase, was nicht weiter verwundert, denn am Abend zuvor ist die letzte Show seiner Tournee im Berliner Tempodrom unter großem Applaus zu Ende gegangen. 80 Auftritte in 60 Städten hat der 65-Jährige innerhalb von 20 Wochen absolviert. "Ich bin etwas erschöpft", sagt er und bestellt einen grünen Tee, "nehmen Sie es mir nicht übel." Waalkes trägt die berühmte Otto-Basecap, dazu T-Shirt und eine bequeme Jogginghose in Grau. Die blauen Augen sind müde, aber aufmerksam.

DIE ZEIT: Herr Waalkes, ein wenig sind Sie uns ein Rätsel. Sie treten seit über 40 Jahren im Wesentlichen mit denselben Scherzen, Gesten, dem berühmten Gehopse und Hollideridi-Rufen auf und füllen noch immer Hallen.

Otto Waalkes: Mit immer weniger Haaren, das sorgt für Abwechslung.

ZEIT: Das sieht man mit der Kappe nicht.

Waalkes: Bei vielen Scherzen bekommt das Publikum das ganze Gesicht. Wenn ich die böse Königin bin zum Beispiel.

Böse Königin! Das ist das Stichwort. Waalkes springt auf, nimmt die Kappe vom Kopf, entsichert seine Mimik, greift zur Luftgitarre und gibt: die böse Königin. Erschöpfung verflogen, keine Frage, Waalkes ist jetzt: Otto.

ZEIT: Ihre Vorführungen beruhen fast ausschließlich auf der Parodie. Sie parodieren Märchen, die alle kennen, oder Prominente. Ist das nicht etwas parasitär?

Waalkes: Aber natürlich ist es das. Vor Kurzem habe ich Herbert Grönemeyers Was soll das? in ein Märchen verwandelt: "Draußen ist es bitterkalt, zwei Kinder gehen durch den Wald. Was soll das?" Das Simpelste kommt oft am besten an! Parodie ist, zumindest bei mir, eine aufrichtige Form der Verehrung. Ich erkenne damit die Lebensleistung an, den Aufwand an Zeit und Energie, den jemand investiert hat, um parodiefähig werden. Wenn ich etwas parodiere, dann hat sich das etabliert, erst wenn etwas vertraut ist, lohnt sich die parodistische Verfremdung.

ZEIT: Gibt es noch den einen Kanon, auf den man zurückgreifen kann, um Verhaltensweisen oder Prominente zu parodieren?

Waalkes: Der ist kleiner als früher, weil sich die Gesellschaft differenziert hat und die allgemeinen Bildungsreserven schwinden. Es gibt zum Glück Klassiker: Ein paar Märchen wird’s immer geben. Man kennt Grönemeyer, Lindenberg, Maffay, Jürgens, die alte Garde. Andererseits werden auch heute noch Hits produziert, die ich parodieren kann: Ottos Gangnam Style zum Beispiel oder Supergeil kommen besonders gut an bei meinen Zuschauern.

ZEIT: Hat sich das Publikum eigentlich über die Jahre verändert?

Waalkes: Die Fans von damals bringen jetzt ihre Kinder mit. Oder schon die Enkel.

Kinder lieben Otto. Nach seinen Shows signiert er stundenlang seine berühmten Ottifanten und andere Merchandising-Artikel aus dem Hause Waalkes.

ZEIT: Die Kinder liegen Ihnen zu Füßen, haben Sie eine Erklärung?

Waalkes: Vielleicht weil mein Gesicht ihnen bekannt vorkommt: Im Profil sehe ich aus wie das klassische Kasperle. Im Ernst: Die Nase schafft intuitiv Vertrauen. Kinder glücklich zu machen ist mein pädagogischer Auftrag. Ich hab doch Kunstpädagogik studiert.

ZEIT: Und die Eltern sind ähnlich zahm?

Waalkes: Die Leute waren früher politischer. In den Siebzigern riefen Fans schon mal: "Du wagst es, elf Mark zu nehmen für ein Ticket – lässt dir wohl die Fransen deiner Jeans vergolden, oder was?" Alles war ideologisch aufgeladen. Ich hatte schon damals ein größeres Auto, das musste ich in Seitenstraßen parken, damit das keiner mitbekam, der antikapitalistisch beseelt war.