DIE ZEIT: Lange Zeit galt in der Medizin eine strenge Trennung: Um psychische Erkrankungen kümmerten sich Psychologen und Psychotherapeuten, um physische Erkrankungen Chirurgen oder Internisten. Doch die Grenzen lösen sich auf. Organische Störungen rufen manchmal genau definierte psychische Symptome hervor. Können Sie uns Beispiele nennen?

Andreas Meyer-Lindenberg: Autoimmunreaktionen können Multiple Sklerose auslösen. Es gibt Hirntumoren und -blutungen, bei denen betroffene Patienten psychotische Symptome entwickeln. Ähnliches passiert bei bestimmten Hormonveränderungen. Selbst die Nebenwirkungen von Antibiotika und anderen Medikamenten können zu psychischen Veränderungen führen. Es gibt zahlreiche Ursachen, die wir standardmäßig bei der Diagnose im Kopf haben.

ZEIT: Lässt sich diese Bandbreite möglicher Ursachen im Klinikalltag überhaupt bewältigen?

Meyer-Lindenberg: Im Aufnahmeprotokoll werden die Laborwerte aufgezeichnet, zum Beispiel die Veränderung des Hormonspiegels und des Blutbilds und vieles mehr. Denn vor Beginn einer psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung müssen wir körperliche Erkrankungen, die gleiche Symptome hervorrufen, ausschließen können.

ZEIT: Stehen Erkenntnisse über die biologischen Ursachen eigentlich im Gegensatz zu klassischen Lehren wie der Tiefenpsychologie?

Meyer-Lindenberg: Der Körper ist eine Einheit, in der biologische und psychologische Faktoren aufeinander einwirken. Vom Blickwinkel der Gehirnforschung aus sind psychische und körperliche Ursachen nicht unterscheidbar. Ein Gedanke hinterlässt genauso eine Veränderungssignatur im Gehirn wie ein Antikörper. Wir sehen keine Dichotomie zwischen Psyche und Körper und erleben sie im Klinikalltag auch gar nicht. Aber wenn wir einen Antikörper finden, versuchen wir ihn zu unterdrücken. Und wenn wir einen Tumor finden, schneiden wir ihn heraus.

ZEIT: Der Mechanismus der NMDA-Enzephalitis ist sehr einfach: Antikörper greifen das Hirn an, der Mensch wird krank.

Meyer-Lindenberg: Die Dinge sind selten so simpel. Eine Person hat einen Antikörper – warum kriegt sie diese Form der Enzephalitis? Eine andere hat denselben Antikörper – erkrankt aber nicht an dieser Enzephalitis. Auch eine simple Ursache wie ein Antikörper trifft immer auf eine individuelle Disposition.

ZEIT: Bei wie vielen Psychiatrie-Patienten findet man biologische Ursachen?

Meyer-Lindenberg: Das variiert von Erkrankung zu Erkrankung, bei den Psychosen sind es ungefähr zehn Prozent. Dieser Anteil ist ziemlich stabil und hat sich in den letzten Jahren nicht erhöht.

ZEIT: Wie stellt man eine Entzündung im Gehirn überhaupt fest?

Meyer-Lindenberg: Das ist gar nicht so einfach. Der Ort des Geschehens liegt schließlich hinter der Blut-Hirn-Schranke. Der Goldstandard ist eine Untersuchung des Nervenwassers, aber das wird noch zu selten gemacht. An neuen Bildgebungsverfahren wird gearbeitet; sie können die Entzündungen im Hirn zeigen. Erste Ergebnisse von Studien mit dieser Methode legen nahe, dass bei vielen Schizophrenie-Patienten eine niedriggradige Entzündung läuft. Sehr spannend – daraus ergäben sich vielleicht auch neue therapeutische Möglichkeiten.

ZEIT: Werden wir künftig mehr biologische Psychosen wie die NMDA-Enzephalitis entdecken?

Meyer-Lindenberg: Ja, das glaube ich. Wir haben mehrere Entwicklungen, die uns hoffen lassen: neue bildgebende Verfahren und bessere Möglichkeiten, über Körperflüssigkeiten festzustellen, was los ist. Die dritte ist die Methode der induzierten pluripotenten Stammzellen. Auf diese Weise können wir Nervengewebe von Patienten züchten und haben damit endlich Zugriff auf das Hirngewebe selber. Das wird uns unglaublich nach vorne bringen.