Das Trüffelschwein ist ein etwas tragisches Tier. Wird im Ferkelalter darauf gedrillt, die feinen Knollen zu erschnüffeln und brav abzuliefern. Dann kommt die Pubertät, die Gier wird zu groß, die Folgsamkeit leidet, der Nachfolger ist schon am Start. Mit einem Jahr ist für Trüffelschweine in aller Regel Schluss. Es gehört also Mut dazu, sein Restaurant auf diesen Namen zu taufen. Kirill Kinfelt und Jana Husemann haben sich getraut und Erfolg gehabt. Das erste Jahr liegt jetzt hinter ihnen.

Wer das Ecklokal am Mühlenkamp zum ersten Mal betritt, könnte denken, er war schon mal hier: blanke Wände, helle Naturfarben, bequeme Ledersessel. Einzelne Blumen in Milchflaschen auf weiß gedeckten Tischen. Zurückhaltend, aber nicht kühl. So sehen sie aus, die ambitionierten neuen Lokale von Stockholm bis Barcelona. Umso weniger verwechselbar sind Kinfelts Gerichte. Schon der Anblick! Oft könnte man sagen: Der Teller ist ja auf einer Hälfte leer. Aber dahinter steckt kein Geiz, sondern ein Gestaltungsprinzip, ein bisschen Yin und Yang. Auf der einen Seite treibt die Küche gewaltigen Aufwand. Da wird dann etwa das Thema Erbsen mit Minze in allen Formen aufbereitet: als Püree, Schaum, Gelee und noch einiges mehr. Dazu kommt eine Haselnuss-Sellerie-Crème samt Krokant. Und das sind nur die Beilagen einer exakt gebratenen Jakobsmuschel. Auf der anderen Seite herrscht sanfte Ruhe. Das passt zu den Gerichten, die bei aller Raffinesse selten angestrengt wirken. Man muss nur die Augen schließen und mit dem Löffel durch die hübsch arrangierten Landschaften pflügen. Dann verschmilzt alles auf der Zunge zu einem einfachen, dichten Geschmack.

Kinfelt ist weit herumgekommen. Er war bei Thomas Bühner im Osnabrücker Drei-Sterne-Restaurant und kochte zuletzt auf Kreuzfahrtschiffen. Das merkt man an seinem reichen Repertoire. Er kocht großartige asiatische Suppen mit Hummer, Kokosmilch und reichlich Thai-Basilikum und Chili, verfremdet sie dann mit leichter Hand, in diesem Fall mit Passionsfrucht, Mango und einem Holundereiswürfel als Gegengewicht zur Schärfe.

Doch auf dem Boden dieser verspielten, aromenstarken Küche findet sich etwas, das man dort als Letztes vermuten würde: Gutbürgerlichkeit. Kinfelt spielt mit Puffreis und Pumpernickel; er kombiniert Gurke mit Dill und Meerrettich oder Schweinefleisch mit Möhrchen und brauner Soße. Das schafft eine wohlige Vertrautheit, die über vereinzelte Manierismen hinweghilft.

Mancher Gang hier erinnert ein wenig an Gerald Zogbaums Küchenwerkstatt, die leider in wenigen Tagen schließt. Zumindest hat Winterhude jetzt einen gleichwertigen Ersatz, und das zu sehr fairen Preisen. Jana Husemann begleitet die Küche sehr passend mit ungewöhnlichem Wein und entspannter Herzlichkeit.

Aber warum eigentlich "Trüffelschwein"? "Das war mein Spitzname an Bord", erzählt Kirill Kinfelt, als er seine Runde macht. Entsprechend muss er immer welche auf der Karte haben. Auch jetzt im Sommer? "Gerade im Sommer! Dann bekomme ich australische Wintertrüffeln, das sind mir eh die liebsten." Man versteht das gut, wenn man sie probiert, auf einem Schweinefilet mit einer Kombination von Brokkoli und Mandelblättchen. Tolles Fleisch, es stammt wirklich aus einer Trüffelregion. Tröstlicher Gedanke: Trüffel und Trüffelsucher, zumindest im Verzehrtwerden vereint.

Trüffelschwein, Mühlenkamp 54, Winterhude. Tel. 69 65 64 50, Geöffnet Mo–Fr 12–14.30 Uhr und 18–24 Uhr, samstags nur am Abend. Menü ab 44 Euro (abends)