Im Herbst wird Lothar König wieder häufiger nach Dresden reisen. Und er hat darauf – das sagt er freundlich, aber bestimmt – "überhaupt keinen Bock". Momentan versuche er alles, um "die Sache" zu verdrängen. Die Sache, das ist der Prozess, den die Dresdner Staatsanwaltschaft gegen den Jenaer Jugendpfarrer angestrengt hat, weil er im Februar 2011 bei Anti-Nazi-Demonstrationen aus seinem Lautsprecherwagen heraus zur Gewalt aufgerufen haben soll. Auf eigentümliche Weise erinnert das Verfahren gegen Josef S. in Österreich – bei allen Unterschieden – an jenes gegen Lothar König in Sachsen. Auch weil beide Männer aus Jena stammen.

Der erste Versuch, König als Aufwiegler zu überführen, scheiterte vor einem Jahr krachend. Mitten in der Hauptverhandlung war umfangreiches, nicht gesichtetes Videomaterial aufgetaucht. Der Richter folgte dem Antrag von Königs Verteidigung, den Prozess auszusetzen. Erleichterung für den Pfarrer – die nur kurz währte. Denn nun soll der Prozess von vorn beginnen, derzeit wird ein Termin gesucht, womöglich geht es im Herbst schon wieder los.

König, heißt es, könne durchaus eine Haftstrafe drohen. Zumal bereits 2013 ein 36-Jähriger in Dresden zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und zehn Monaten ohne Bewährung verurteilt worden ist, weil er – ebenfalls im Februar 2011 – Protestler per Megafon zur Gewalt aufgerufen habe.

Noch immer laufen in Sachsen auch mehrere Verfahren gegen prominente Anti-rechts-Aktivisten. Etwa gegen Bodo Ramelow, Fraktionschef und Spitzenkandidat der Thüringer Linken – weil er 2010 an der Blockade einer Neonazi-Demonstration teilgenommen hat. Erst im Mai 2014 wurde das Verfahren eingestellt, keine vier Wochen später war die Einstellung aber wieder aufgehoben, denn Ramelow weigert sich, seine Anwaltskosten selbst zu tragen. Es entbehrte nicht einer gewissen Komik, sollte Ramelow im September zum Thüringer Ministerpräsidenten gewählt werden – und anschließend im Nachbarland Sachsen zur Hauptverhandlung vorgeladen werden.

Auch andere Politiker müssen sich noch vor Dresdner Gerichten verantworten. Der Grünen-Landtagsabgeordnete Johannes Lichdi nahm am 19. Februar 2011 an einer Sitzblockade teil. Im April wurde er dafür zu einer Geldstrafe in Höhe von 1500 Euro verurteilt, ebenso wie der Linken-Abgeordnete Falk Neubert. Beide wollen nicht zahlen. Lichdis Anwalt hat gerade Revision eingelegt. Anders als Pfarrer König freut sich der Jurist Lichdi beinahe auf seinen Richter: Denn die "eigentliche Rechtsfrage", ob "friedliche Platzbesetzungen" unter dem Schutz des Grundrechts stünden, sei, trotz allen juristischen Geplänkels, weiterhin ungeklärt.