Ist die Schizophrenie, das Kernland der Psychiatrie, überhaupt eine echte Geisteskrankheit? Oder sind die episodenhaften oder chronischen Wahnzustände und Halluzinationen der Patienten in Wahrheit die Folge einer rein körperlichen Erkrankung? Immerhin erleidet etwa jeder hundertste Mensch in Deutschland mindestens einmal im Leben eine behandlungsbedürftige schizophrene Episode.

Dass dieses häufige Leiden nicht rein seelische Ursachen hat, sondern durch biologische Fehlfunktionen des Gehirns verursacht wird und weitgehend erblich bedingt ist, gilt unter den Experten heute als unstrittig. Allerdings waren erst bei einzelnen Patienten Erbgutvarianten entdeckt worden, die mit der Krankheit in Zusammenhang gebracht werden konnten. Daher blieb weitgehend unklar, wie viele und welche genetischen Veränderungen zum Ausbruch der Schizophrenie beitragen.

In dieser Woche präsentiert die Arbeitsgruppe Schizophrenie des internationalen Psychiatric Genomics Consortium in Nature die Befunde einer riesigen Studie, in der die Erbgutdaten von 37.000 Patienten und 113.000 gesunden Kontrollpersonen statistisch verglichen wurden. Die Wissenschaftler haben dabei im Genom 108 auffällige Stellen entdeckt – 83 davon bislang unbekannt. Dort vermuten sie nun jene Gene, die Einfluss auf die Erkrankung haben könnten.

Die Genetiker überraschte, dass eine eng mit Schizophrenie verknüpfte Variante in einer Erbgutregion liegt, die für das Immunsystem wichtig ist – im Besonderen für die Auslösung von Entzündungen. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Variante in der sogenannten MHC-Region auf dem Chromosom 6 nur zufällig mit Schizophrenie einhergehe, sei verschwindend klein – gerade mal 1:1033. Hinzu kommt, dass sie durchschlagende Effekte auf das psychische Geschehen hat. Wer die verdächtigen Genmuster geerbt hat, besitzt offenbar ein um 20 Prozent erhöhtes Risiko, schizophren zu werden.

Ganz unerwartet kommt die Einkreisung der Immungene als mögliche Initialzünder der Schizophrenien nicht. Seit einigen Jahren kursieren in den Fachzirkeln Befunde, wonach bei Patienten immer wieder immunologische Auffälligkeiten festgestellt wurden – eine unterschwellige oder plötzlich anschwellende Entzündungsreaktion des Organismus. Und Neurologen wissen längst, dass solche inflammatorischen Faktoren dem Hirn stark zusetzen. Die Folgen können Halluzinationen sein, Wahnideen und sogar Koma. Und vielleicht auch Schizophrenie.