Ein schottischer Jugendlicher mit Dudelsack an der Küste in der Nähe von Aberdeen. Am Unabhängigkeitsreferendum dürfen auch Jugendliche ab 16 teilnehmen. © REUTERS/Paul Hackett

Sechzig entschlossene Bürger versammeln sich an diesem nieseligen Abend im viktorianischen Rathaus von Clydebank, einer Kleinstadt westlich von Glasgow. Auf dem Tisch im Eingangsflur liegen Freiexemplare eines 650-seitigen Wälzers mit dem Titel Schottlands Zukunft, herausgegeben von der Scottish National Party (SNP). Sie regiert den Norden des Königreichs mit absoluter Mehrheit. Doch sie will mehr: raus aus dem Vereinigten Königreich, das Ende der britischen Union, die Unabhängigkeit.

Schottischer Nationalismus? Das klingt erst mal kauzig. Man muss an Clanherren und Kilts denken, an pausbäckige Dudelsackpfeifer und knollennasige Whiskyexperten. Doch die Frage ist ernst, und sie könnte Folgen für die ganze Welt haben. Am 18. September wird das schottische Volk entscheiden, ob es sich von London löst.

Noch vor einem Jahr schien sicher, dass die meisten Schotten nicht an dem drei Jahrhunderte alten Status quo rütteln wollten. Im Frühjahr deuteten Umfragen erstmals einen Umschwung an, mittlerweile liegen Befürworter und Gegner fast gleichauf. Etliche der größten Arbeitgeber des Landes, von Versicherungen bis zu den letzten Werften, machen bereits Pläne für ihren Umzug nach England. Und Chevron und der norwegische Ölkonzern Statoil haben Milliardenprojekte zur Erschließung neuer Ölfelder erst einmal auf Eis gelegt.

Schottland ist neben England, Wales und Nordirland zwar nur ein Staat der Union, aber seine Unabhängigkeit würde sie in eine tiefe Krise stürzen. Das Königreich würde auf einen Schlag ein Drittel seiner Landmasse und zwei Drittel seines maritimen Hoheitsgebietes verlieren. Vor allem müsste es auf die Öl- und Gasvorräte verzichten, die unter dem Meer lagern.

Ein zerfallendes Land in Europa ist auch für die Weltgemeinschaft nicht gut. Schwedens Außenminister Carl Bildt befürchtet eine "Balkanisierung" der britischen Inseln mit unvorhersehbaren Konsequenzen. Barack Obama erklärte, er wünsche sich ein "starkes, stabiles, vereintes Großbritannien". Selbst der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang sprach sich für ein "vereintes Vereinigtes Königreich" aus.

Ein Tourist wird kaum merken, dass eine so wichtige Entscheidung ansteht. Doch es rumort. Nachbarn zerkriegen sich. Fremde werden ausgegrenzt. Ich, der ich hier seit bald vier Jahrzehnten lebe, mit einer Schottin verheiratet bin, vier Kinder großgezogen habe und nun meine ersten Enkel zur Schule gehen sehe, wurde kürzlich von einer Bekannten angefahren: "Da kannst du gar nicht mitreden. Du verstehst uns Schotten nicht!" Die Dame ist Künstlerin und wie fast alle schottischen Künstler dem nationalistischen Sirenengesang des Ministerpräsidenten Alex Salmond von der SNP erlegen.

Man darf sich ihre Anhänger nicht als dumpfe Rechte vorstellen. In Deutschland würden viele von ihnen SPD, grün oder links wählen. In Clydebank sitzt eine Dame mit roter Baskenmütze (dem Symbol keltischer Selbstbestimmung) und einem Button der Abrüstungsbewegung in der ersten Reihe. Eine andere Zuhörerin, die ihre Haare rosa gefärbt hat, trägt Anstecker für die Dritte Welt. Hinter mir tuscheln zwei Oberschullehrer wohlwollend über die zunehmende Hinwendung ihrer Schüler zum Nationalismus.

Alex Neil, Minister für "Gesundheit und Wohlbefinden", betritt den Raum. Er wirkt wie ein Handlungsreisender für Möbelgarnituren. An der linken Hand trägt er einen schweren Siegelring, den er vor seinen Bauch hält. Die Finger der Rechten deuten mal die Zahl der Argumente an, mal berühren sie den Ring, um sich mit diesem wie zum Gebet zu verschränken.