DIE ZEIT: Herr Homann, Sie sitzen als SPD-Abgeordneter im sächsischen Landtag. Warum sind Sie zum Prozess gegen Josef S. gefahren?

Henning Homann: Weil mich sein Schicksal nicht loslässt. Weil ich ihn und seine Familie unterstützen wollte. Was Josef widerfahren ist, diese lange Zeit in Untersuchungshaft verbracht zu haben – das tut mir leid. Es gab ja kein Video, das ihn belastet hätte, kein Foto, keine Tonaufnahme. Es gibt nur einen Polizisten, der widersprüchliche Aussagen gemacht hat.

ZEIT: Josef S. gehört wie Sie den Falken an, einem Jugendverband, der der SPD nahesteht.

Homann: Ja, und der vor mehr als 100 Jahren gegründet wurde. Ziel der Falken ist es, junge Menschen zur Jugendarbeit zu motivieren. Wir sind eine zutiefst pazifistische Organisation, stehen füreinander ein. So wie ich nun für Josef einstehe. Viele Funktionsträger der SPD waren übrigens einst Falken, auch Sigmar Gabriel.

ZEIT: Josef darf jetzt nach sechs Monaten Haft das Gefängnis verlassen. Sind Sie erleichtert?

Homann: Natürlich. Die Erleichterung ist auch bei seiner Familie spürbar. Allerdings ist mir das Urteil völlig unverständlich. Mir geht das nahe, dass diesem jungen Mann ein halbes Jahr seines Lebens geklaut wurde. Josef ist vor seiner Verhaftung nie polizeilich auffällig geworden, er hat einen einwandfreien Lebenslauf, er studiert, steht mit beiden Beinen im Leben. Warum hat man ihn überhaupt eingesperrt?

ZEIT: Das fragen sich viele, sagen Sie es uns.

Homann: Ich weiß es nicht. Österreich ist ein Rechtsstaat, darauf vertraue ich. Mir haben in Wien jetzt aber schon mehrere Leute erzählt, dass es Josef – um es vorsichtig zu sagen – zumindest nicht geholfen hat, dass er Deutscher ist. Man hat Angst vor deutschen Demonstrations-Touristen.

ZEIT: Werden Sie anderen Falken künftig empfehlen, sich genau zu überlegen, ob sie sich Anti-Nazi-Protesten anschließen?

Homann: Jeder darf und soll sich gegen Neonazis stark machen. Unbedingt! Ich rate nur dringend davon ab, sich in die Nähe von gewaltbereiten Protestierenden zu begeben. Was mich stört, ist, dass jene, die gegen Rechtsextremismus demonstrieren, oft in die linksradikale Ecke gestellt werden. Das Problem hatten wir ja auch in Dresden.

ZEIT: Wo der Pfarrer Lothar König angeklagt wurde, weil er gegen Neonazis vorging. König kommt wie Josef S. aus Jena. Ist das Zufall?

Homann: Nicht unbedingt. In Jena gehört der Kampf gegen Rechtsextreme zum guten Ton. Und einige reisen eben sogar in andere Städte, um den dortigen Protest zu unterstützen. Ich finde das toll.