Auch diesmal reicht der Platz im kleinen Verhandlungssaal 203 des Wiener Straflandesgerichts nicht aus. Dicke Schweißperlen stehen den beiden Vertretern der Deutschen Botschaft, die sich im Saal eingefunden haben, auf der Stirn. Es ist tropisch heiß.

Auch zwei IT-Angestellte aus Jena sind angereist. Mit bangen Gesichtern sehen sie, die Eltern, zu, wie ihr jüngster Sohn zur Anklagebank geführt wird, mit Handschellen gefesselt, links und rechts von uniformierten Beamten am Oberarm gepackt. Josef S. muss sich in einem Strafprozess verantworten, der von vielen als kafkaesk bezeichnet wird. Am Dienstag endet diese Justizfarce mit einem, wenn auch noch nicht rechtskräftigen, Schuldspruch.

In Jena lebt der 23-jährige Josef S. noch bei den Eltern. Anfang Juni hätte er Kisten schleppen sollen, um den Hausrat in die neue Wohnung der Familie zu verfrachten. "Aber er kneift und sitzt lieber in Wien im Gefängnis", scherzt Mutter Sabine. Sie hilft sich mit bitterem Humor, um das für sie Unfassbare zu bewältigen: Ihr Sohn stieg am 23. Januar in Jena in einen Bus nach Wien, um dort an einer antifaschistischen Demonstration teilzunehmen. Anstatt sich daheim auf seine Bachelorprüfung vorzubereiten, saß er Ende Juli noch immer in Untersuchungshaft. Die Vorwürfe: versuchte absichtliche schwere Körperverletzung, Landfriedensbruch als Rädelsführer, schwere Sachbeschädigung. Darauf stehen in Österreich bis zu fünf Jahre Gefängnis.

Sabine S. beschreibt ihren Sohn als gutmütigen, vermittelnden Menschen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Eltern sich in ihren Kindern täuschen. Es wäre aber auch nicht das erste Mal, dass die Strafjustiz den Falschen verfolgt. Im Fall Josef S. sind es zwei Faktoren, die manche Beobachter Letzteres befürchten ließen: einerseits die schwachen Beweise der Anklage, andererseits die Tatsache, dass dies ein politischer Prozess ist – ein Strafverfahren, das sich nicht nur gegen Josef S. richtet, sondern nebenbei auch gegen eine ganze Szene, die es immer wieder auf die Straße treibt, wenn das rechte Milieu sich in Wien ausbreiten will.

Am ersten Prozesstag Anfang Juni inszenierte der Staatsanwalt sein Eröffnungsplädoyer als Drama. Er beschrieb Josef S. als Kommandeur einer militärisch stramm organisierten Truppe, von "kohortengleichen Formationen", die am Abend des 24. Januar in den verschlafenen Gassen der Wiener Innenstadt für "Zustände, die wir sonst nur aus Kriegsgebieten kennen", gesorgt hätten. Mit perfiden Tricks hätten sie versucht, die Polizei zu täuschen: unter anderem dadurch, dass sie mehrere Schichten Kleider trugen. Nicht, weil es ein kalter Winterabend war und mit stundenlangem Warten im Polizeikessel durchaus gerechnet werden musste – sondern allein deshalb, "um schnell ein Kleidungsstück ablegen zu können, damit man nicht identifiziert wird".

Einheitlich schwarz gekleidet waren die Demonstranten, die Kleidung sei wohl "zentral ausgegeben" worden, mutmaßte der Staatsanwalt. Dass Josef S. durch einen markanten weißen Aufdruck hervorstach, wertete er dennoch als Indiz für dessen führende Stellung: Der Kommandeur müsse schließlich im Dunklen rasch erkennbar sein.

Mehrere zerborstene Scheiben, ein demoliertes Polizeiauto – so gut wie alles, was an jenem Abend kaputtgegangen war, geht laut Anklage auf das Konto des Werkstofftechnikstudenten aus Jena. Das ist kein Zufall. Schon in den Tagen vor der alljährlich stattfindenden Großdemonstration gegen den Wiener Akademikerball, ein Stelldichein von Burschenschaftern und sonstigen Vertretern der europäischen Rechten in den Prunkräumen der Wiener Hofburg, hatte der Wiener Polizeipräsident vor der Gefahr aus Deutschland gewarnt. Das alte Klischee des linksextremen Gewaltimports aus Deutschland wurde neuerlich heraufbeschworen. Deshalb war es nur konsequent, ein Mitglied der Thüringer Falken vor Gericht zu stellen.

"Brüderliche Kampfesgrüße" ins Gefängnis nach Wien

Den Jenaer Ortsverband der SPD-nahen Jugendorganisation Die Falken hatte Josef S. erst Ende 2013 selbst mit gegründet. Seine Freunde bei den Falken nennen ihn einen "in sich ruhenden Menschen", einen, "von dem man sich kaum vorstellen kann, dass er auf die Barrikaden geht". Sogar Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD) schätzt Josef S. sehr: Nach dessen Verhaftung verlieh ihm Schröter den Jenaer Preis für Zivilcourage. "Wir wollten Josef unterstützen, aus dieser Stadt heraus", sagte Schröter bei der Preisverleihung. Man sende, sagte Schröter halb scherzhaft, "brüderliche Kampfesgrüße" ins Gefängnis nach Wien.

Dass ein Jenaer in Wien vor Gericht steht, brachte am ersten Prozesstag auch komische Szenen mit sich. So belegte der Staatsanwalt seine These, es handle sich bei der von Josef S. angeführten Truppe um besonders gewaltbereite Subjekte, mit einem Zitat aus einem Demo-Flugblatt: "Mach aus der Heh Erdäpfelpüree." Übersetzt aus dem Wiener Dialekt heißt das: "Mach aus der Polizei Kartoffelpüree." In der Prozesspause kratzte sich der mutmaßliche Rädelsführer am Kopf und fragte seinen Wiener Anwalt leise: "Heh, was heißt denn das?"

Die Anklage stützte sich vor allem auf die Aussage eines Zivilpolizisten, der angab, Josef S. den ganzen Abend lang verfolgt zu haben. Oder fast den ganzen Abend lang: Der Beamte wurde nämlich selbst festgenommen – von Kollegen, die ihn mit einem gewaltbereiten Demonstranten verwechselten. Ob er denn selbst vermummt gewesen sei, feixten die Verteidiger. Obwohl an jenem Abend Polizeibeamte und Verfassungsschützer mit filmten, findet sich deren Filmmaterial nicht in der Akte. Der Zivilpolizist erklärt, er habe selbst immerzu fleißig mit seinem privaten Smartphone gefilmt – aber leider sei das Material großteils unbrauchbar.

Noch am selben Abend fertigte der Zivilfahnder einen ersten Bericht an, der als Grundstein der Ermittlungen gegen Josef S. gilt. Massive Vorwürfe, die er später vor der Staatsanwaltschaft gegen S. erheben wird, erwähnt er hier noch nicht: Von der Rauchbombe, die S. in einem eigenhändig zertrümmerten Polizeiauto platziert habe, findet sich nichts. Auch, dass S. sich zu Beginn der Demonstration eindeutig als Anführer geriert und "gestikulierend Kommandos erteilt" habe, unterschlägt er vorerst. Warum? "Ich habe nicht gedacht, dass ich das reinschreiben muss", sagt er auf Nachfrage des Richters. Beim Verfassen des Berichts verfolgt der Zivilpolizist die Fernsehnachrichten und entdeckt zufällig Josef S. Er sieht, wie der schlaksige Kerl einen Müllcontainer aufstellt, und fügt das gleich in seinen Bericht ein – als Beweis dafür, dass S. dieses Behältnis als Wurfgeschoss verwendet habe.

Der Zivilpolizist, dessen Name im Gerichtssaal eine Dienstnummer ist, war an jenem Abend nicht allein unterwegs. Er war Teil eines dreiköpfigen Teams. Eine Zivilpolizistin dieses Teams gab vor Gericht zu, mit dem Einsatz überfordert gewesen zu sein. Eines weiß sie noch: Fliegende Pflastersteine und Müllbehälter seien ihr nicht aufgefallen – dem dritten Glied des Spähtrupps ebenso wenig.

Anders der Belastungszeuge, er bleibt bis zum Schluss dabei: Er habe Josef S. beobachtet, wie er Steine und Behälter gegen Beamte geschleudert habe, das wisse er ganz genau, schließlich habe er S. stundenlang observiert. In einem Überwachungsvideo sieht man zwar Josef S., wie er eine Straße entlangläuft – von dem Beamten jedoch keine Spur.

Josef S. sei den ganzen Abend lang vermummt gewesen, sagt der Polizist, dessen Anonymität auch im Gerichtsakt streng gewahrt wird. Dass just jenes Foto aus seiner Handykamera, auf dem der Angeklagte frontal zu sehen ist, ein Gesicht ohne Vermummung zeigt, sei nur ein Zufall, in jenem Moment sei S. eben nur "teilvermummt" gewesen.

Den größten Schaden nahm die Glaubwürdigkeit des Polizisten jedoch durch ein Gutachten. Josef S. habe die übrigen Demonstranten angefeuert, hatte der Beamte ausgesagt. Als Beweis diente ihm ein eigens angefertigtes Smartphonevideo, auf dem S. mit den Worten "Tempo, Tempo! Weiter, weiter!" zu hören sei. Die Verteidiger verlangten ein Stimmgutachten – und dieses ergab, dass das Anfeuern nicht aus dem Mund von Josef S. gekommen sein könne. Der Polizist änderte daraufhin seine Aussage. Das Gericht hielt den Polizisten dennoch weiterhin für glaubwürdig – bis zu Prozessende.

Sechs Monate verbrachte Josef S. in Wien in Untersuchungshaft, sooft es ging, arbeitete er, der aus einer katholischen Familie stammt, als Ministrant in der Gefängniskapelle. An vielen Mauern Wiens liest man den Schriftzug "Free Josef". Seit seiner Inhaftierung ist der unscheinbare Junge plötzlich so etwas wie ein Star. Zu Hause, in Jena, ist er das ohnehin. In dieser Stadt, in der sich als Reaktion auf die rechtsextremen Umtriebe der 1990er Jahre eine schlagkräftige linke Szene entwickelt hat, gilt Anti-Neonazi-Protest inzwischen schließlich als eine Art Exportschlager. Jenaer Demonstranten reisen auch in weit entfernte Orte, um sich dort friedlich gegen Neonaziaufmärsche zu engagieren (siehe Text unten).

Josef S. wird am dritten Prozesstag verurteilt: zu zwölf Monaten Haft, davon acht Monate zur Bewährung ausgesetzt. Der Staatsanwalt hatte zuvor den Vorwurf, er habe mit schweren Steinen auf Polizisten geworfen, wieder fallen gelassen. An den übrigen Vorwürfen hielt er fest, das Gericht folgte ihm. Der Polizeizeuge habe "plastisch geschildert", dass Josef S. Straftaten begangen habe, so der Vorsitzende des Schöffensenats; er sei daher glaubwürdig. Dass ein friedlicher Aktivist bei einer Demonstration noch mitgeht, wenn dabei Auslagen zertrümmert und Polizisten mit Flaschen beworfen werden, sei "lebensfremd", so der Richter. "Da dreht man sich um und geht."

Mit der sechsmonatigen Untersuchungshaft hat Josef S. seine Gefängnisstrafe bereits abgesessen, er ist auf freiem Fuß. Was bleibt, sind Anwaltsschulden und ein Signal: Wer demonstriert, riskiert, verfolgt zu werden. Oder, wie es der Wiener Polizeipräsident kurz nach der Demonstration des 24. Januar in einer Fernsehsendung formuliert hatte: "Wer sich mit Hunden ins Bett legt, darf sich nicht wundern, wenn er mit Flöhen aufwacht."