DIE ZEIT: Frau Becker, sind die Lehrer schuld daran, dass so viele gesunde Kinder als krankhaft hyperaktiv abgestempelt werden?

Nicole Becker: In meiner Studie war es tatsächlich so, dass der erste Verdacht auf die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung ADHS häufig von Lehrern geäußert wurde. Manchmal kam er auch von Erzieherinnen und Sozialpädagoginnen. Das Problem ist, dass den Pädagogen häufig einzelne Verhaltensweisen an Kindern auffallen, die zwar auf den ersten Blick "ADHS-typisch" aussehen mögen, die aber, für sich genommen, nicht ausreichen, um die Diagnose zu stellen. Darüber hinaus bringen Lehrer Probleme mit ADHS in Verbindung, die nicht zum Störungsbild gehören, zum Beispiel, wenn es mit einem Kind viele Konflikte und Spannungen gibt.

ZEIT: Woran liegt das?

Becker: Lehrer sind medizinische Laien. Sie beobachten, dass sich ein Kind schlecht konzentrieren kann, Mitschüler stört, im Unterricht dazwischenruft. Das interpretieren sie dann als Symptom von ADHS, weil sie gelesen oder gehört haben, dass das zum Störungsbild gehört. Und dann wenden sie sich mit ihrem Verdacht an die Eltern und sagen denen, dass die etwas unternehmen sollen. Es gibt aber selbst innerhalb der Medizin starke Kontroversen über die ADHS-Diagnostik. Viele Kinder verhalten sich von Zeit zu Zeit hyperaktiv, aber deshalb leiden sie nicht gleich unter einer Aufmerksamkeitsstörung.

ZEIT: Täuschen sich die Lehrer oft?

Becker: Von den 21 Kindern in meiner Studie lief die diagnostische Abklärung nur in vier Fällen auf eine ADHS hinaus. Die meisten hatten andere Probleme, wie etwa emotionale Störungen oder Störungen des Sozialverhaltens. Es gab aber auch Kinder, bei denen gar keine klinisch relevanten Auffälligkeiten festgestellt wurden.

ZEIT: Werden diese Erkenntnisse durch andere Forschungen gestützt?

Becker: In einer älteren Studie haben Grundschullehrer angegeben, bei etwa 18 Prozent ihrer Schüler ADHS-Symptome zu erkennen. Die aktuellen Diagnoseraten liegen bundesweit aber bei 12 Prozent für Jungen und 4,4 Prozent bei Mädchen. Auch da zeigt sich eine Diskrepanz.

ZEIT: Nach welchen Kriterien haben Sie die Eltern ausgewählt?

Becker: Ich habe mit Eltern gesprochen, die ihr Kind zur diagnostischen Klärung in der Ambulanz einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie angemeldet hatten. Finanziell und sozial gut abgesicherte Akademiker kommen ebenso zu Wort wie alleinerziehende Mütter, die in prekären Situationen leben. Auch das Spektrum der Probleme ist groß, wobei die Schule ein zentrales Thema ist – und sei es in der Form, dass die Kinder den Schulbesuch schlicht verweigern.

ZEIT: Es heißt ja immer, dass in bildungsfernen Familien die Kinder schneller auf Ritalin gesetzt würden.

Becker: Stark belastete Mütter waren schneller bereit, Medikamente zu akzeptieren. Das stimmt. Sie fühlen sich wenig unterstützt, erleben die Rückmeldungen der Schule als ständige Gängelei und suchen verzweifelt nach einem Ausweg. Aber auch sozial eingebundene und gutsituierte Eltern, die zunächst auf alternative Therapien setzen, sind letztlich bereit, ihr Kind mit Stimulanzien zu behandeln.

ZEIT: Wieso?

Becker: Sie wollen den schulischen Abstieg des Kindes verhindern – mit allen Mitteln. Da macht es am Ende keinen Unterschied, ob die Eltern einen Hochschulabschluss oder einen Hauptschulabschluss haben. Dass sich die Verdachtsfälle auf ADHS häufen, wenn der Übertritt in die weiterführende Schule naht, passt genau ins Bild.

ZEIT: Trotzdem könnten sich Eltern mehr auf ihr eigenes Urteilsvermögen verlassen und weniger auf die Meinung der Lehrer.

Becker: Eltern empfinden die Schule als ein System, das auf das Leben ihrer Kinder enormen Einfluss hat, das sie selbst aber kaum beeinflussen können. Diese Situation hat etwas Bedrohliches. Und wenn dann von der Schule ständig Beschwerden kommen und die Eltern zum Handeln aufgefordert werden, bleibt ihnen nach dieser Logik gar nichts anderes übrig, als bei ihrem Kind anzusetzen.

ZEIT: In Ihrer Studie fragen Sie, ob nicht die Schulen selbst die Schwierigkeiten mit den Kindern produzieren. Wie meinen Sie das?

Becker: Zwischen 2006 und 2011 haben sich die Diagnoseraten in Deutschland fast verdoppelt. Es ist unwahrscheinlich, dass der Anstieg auf eine verbesserte Diagnostik zurückzuführen ist. Und die genetischen Voraussetzungen, also die Gehirne der Kinder, werden sich wohl kaum geändert haben – ich sage das deshalb, weil immer hervorgehoben wird, dass ADHS eine genetisch bedingte Hirnstoffwechselstörung sei. Dann müssten aber die Diagnoseraten stabiler sein. Was sich hingegen ändert, sind die Rahmenbedingungen in vielen Schulen.