Mitte des 19. Jahrhunderts. So sehr tost der Verkehr am Parliament Square in London, dass Gefahr für Leib und Leben der Passanten besteht. 1868 wird hier die erste Lichtsignalanlage der Welt errichtet – 18 Jahre bevor das Ur-Automobil gebaut wird (der Benz Patent-Motorwagen Nummer 1). Ein Polizist steuert sie über Drahtzüge. Nachts leuchten Lampen in Rot und Grün, betrieben mit Gas, das leider zum Explodieren neigt. Als ein Polizist Verbrennungen des Gesichts erleidet, mottet London die Anlage ein und bleibt für ein halbes Jahrhundert ampelfrei.

Die allererste Ampel der Welt würde also am 10. Dezember dieses Jahres genau 146 Jahre alt. Und der 90. Geburtstag der ersten deutschen Verkehrsampel ist leider auch schon zwei Jahre vorüber. Sie stand in Hamburg. Ersatzweise ließe sich in diesem Jahr der 90. Geburtstag der zweiten deutschen Ampelanlage feiern. 1924 ersetzte man am Potsdamer Platz in Berlin, dem damals verkehrsreichsten Platz Europas, einen überforderten Verkehrspolizisten durch den "Leuchtturm vom Potsdamer Platz". Jetzt steht dort ein Nachbau. Dieser Leuchtturm wurde von Siemens hergestellt. Von der Firma stammt heute jede zweite der 1,5 Millionen deutschen Ampeln, das will man doch mal feiern! Siemens verlegte die Geburt der Ampel kurzerhand auf den 5. August 1914. Warum? Vor exakt hundert Jahren sprang in der amerikanischen Automobilmetropole Cleveland immerhin die erste elektrische Ampel der Welt auf Grün.

Seit hundert Jahren ist die Ampel nicht nur Technik und unverzichtbarer Teil des nächtlichen Lichtdesigns der Innenstädte. Sie stellt ebenso lange schon die überwachende und strafende Autorität des Staates dar. Nachts um drei an einer gottverlassenen Kreuzung: Der einzige Pkw weit und breit wartet auf Grün. Kann man so blöd sein? Ja, zumindest in Deutschland, wo selbst vor einer defekten Ampel die Verkehrsteilnehmer fünf Minuten warten (müssen! – so sagt es das Gesetz). In Köln kann man in solchen Fällen sogar eine "Ampelhotline" anrufen. In südlichen Ländern demonstriert man gern ein entspannteres Verhältnis zum Staatssymbol. Ob dieses gesünder und dem Überleben dienlicher sei, darüber streiten selbst Fachleute.

Eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Hundertjährigen erscheint jedenfalls vernünftig. Gerade bei Kindern. Wie eine kritische Ampelerziehung jedoch auszusehen hat, darüber entsteht täglich Zoff an Fußgängerampeln. Gelebte Ampelkritik, die sich im Ignorieren von Rot artikuliert, erntet wüste Beschimpfungen von Eltern, die Kinder mit sich führen. Unlängst in Düsseldorf zeigten Polizisten, dass sie der Symbolkraft der Ampel durchaus mit handfester Reaktion Nachdruck verleihen: Dem Künstler Markus Lüpertz (72) wurden Handschellen angelegt, nachdem er bei Rot über eine Fußgängerampel lief und sich weigerte stehenzubleiben.

Auch andere interpretieren die Ampel richtig, reagieren aber unangemessen. "Ampelvandalismus" ist ein Thema, das jeder Stadtkämmerer kennt. Leipzig meldet allein für das erste Halbjahr 2014 Ampelschäden durch Vandalen in Höhe von 25 000 Euro. Elmshorn klagt über 30 000 Euro wegen "Ampelrandale". Es gibt "Feuerattacken", Ampeln werden durch einen gezielten Kick "ausgetreten", sie werden mit Steinen beworfen oder sogar beschossen, gern mit Lackfarben besprüht (ein Sonderfall ist Remscheid, wo Unbekannte die Lampen so verzierten, dass bei Grün ein Hanfblatt erschien). Manche manipulieren auch den Anforderungsschalter für Fußgänger mit dem Ziel, Dauergrün zu erreichen. Die 80 Sekunden Höchstwartezeit vor einer Ampel wird nämlich – zumindest gefühlt –häufig um ein Vielfaches überschritten.

Selbstverständlich beruht jede moderne Verkehrsregelung heute auf Digitaltechnik. Die Ampelanlagen ganzer Stadtteile werden von zentralen Verkehrsrechnern gesteuert. Der Hersteller Siemens ist stolz darauf, dass von München aus die Ampeln in Abu Dhabi manipuliert werden können. Natürlich ruft eine derartige Vernetzung Hacker auf den Plan. Vor ein paar Jahren legten zwei Angestellte der Stadt Los Angeles durch eine Hackattacke auf die Verkehrskontrollzentrale der Stadt die Ampeln an vier Kreuzungen lahm. Gewaltige Staus waren die Folge, es dauerte vier Tage, das ganze System wieder flottzubekommen.

An dieser Kreuzung in Cleveland (Ohio) wurde am 5. August 1914 die erste elektrische Ampel der Welt installiert. © David Maxwell/EPA/dpa

Die Entwicklung der Ampel schreitet indes unverdrossen voran. In Marl sagen die Ampeln Sätze wie: "Danke schön, jetzt wird’s grün!" Das soll Kinder und Blinde ansprechen. In Hildesheim haben Studenten an sich gegenüberliegenden Ampeln kleine Displays platziert, auf denen Wartende elektronisches Pingpong spielen können. In Recklinghausen fordern die Grünen Spiegel an Ampeln, die den toten Winkel der Lkw, in dem des Öfteren Radfahrer warten, einsehbar machen.

Mittelfristig, glauben Experten, wird die Ampel in ein total digital geregeltes Verkehrsgespräch verwickelt. Autos reden dann mit anderen Autos, mit Verkehrsschildern und eben Ampeln, die wiederum untereinander kommunizieren. Die Utopie: Bei so durchreguliertem Verkehr passieren keine Fehler mehr.

Die Gegenbewegung lebt. Durch die Einführung der Rechtsabbiegeregelung (der grüne Pfeil) darf ausgerechnet in so braven Ländern wie den Niederlanden, Belgien und Deutschland täglich zigtausendmal der roten Autorität getrotzt werden. Trotzig hält sich auch die Figur des Schülerlotsen, die gerade 60 wird. Der Graus aller verkehrstechnischen Digitalplaner allerdings ist der auf Blickkontakten, Gesten und Freundlichkeit fußende Kreisverkehr. Er nimmt der Ampel Kreuzung um Kreuzung weg. Noch scheitern die Deutschen an der Herausforderung, auch riesige Kreuzungsersatzanlagen, wie in England normal, durch flexibles Ein- und Ausfädeln im Kreis zu bewältigen. Doch das muss ja nicht so bleiben.

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