Man kann beim Betriebskindergarten anfangen, wenn man von Antje von Dewitz erzählen will. Beziehungsweise beim Kinderhaus, denn Kindergarten wäre eine Untertreibung. Draußen: Kletterwand, Rutsche, Kriechtunnel. Drinnen: Bastelecke, Kinderküche, Bällebad und ein kindshohes Stoffpony auf echtem Stroh.

Von Dewitz hat das Kinderhaus einst nicht nur für ihre Mitarbeiter, sondern auch für sich selbst gebaut. Denn Kinderbetreuung? Bei einem mittelständischen Outdoor-Ausrüster? In einem württembergischen Weiler? Gab es natürlich nicht, damals, als sie in der Firma ihres Vaters anfing und gleich schwanger wurde. Heute bekommt Vaude Preise als familienfreundlicher Arbeitgeber. Die Pinnwand hinter Antje von Dewitz’ Schreibtisch ist voll mit Geburtskarten von Mitarbeiterkindern.

Will man zu Antje von Dewitz und zu Vaude – ausgesprochen: [fau'de:], nach "von Dewitz" –, fährt man durchs württembergische Hopfenland, das sich in sanften Hügeln an den westlichen Rand des Allgäus schmiegt. Auf halber Strecke zwischen Ravensburg und Lindau, in Tettnang-Obereisenbach, taucht ein Ensemble aus flachen Siebziger-Jahre-Bauten auf: Vaudes Firmensitz. Mehr Land geht kaum, mehr Idylle auch nicht.

Als Vater von Dewitz 1974 mit Rucksäcken und Zelten anfing, wurden die Vaude-Artikel noch in einem Bauernhof gelagert. Kam die Zeit der Hopfendarre, musste alles ausgeräumt werden. Heute begrüßt hier Antje von Dewitz, 41 Jahre, den Besucher. Sie trägt Karohemd, Jeans, Turnschuhe – eine Montur wie aus dem aktuellen Vaude-Katalog. Ein helles "Hi!", schnell noch eine warme Jacke übergeworfen, und dann geht’s kreuz und quer übers Firmengelände.

Hier steht ein Gerüst, da flattert eine Bauplane im Wind, dort dröhnt ein Bohrer. "Wir haben ganz schön viel Baustelle zurzeit", sagt Antje von Dewitz. Vaude wächst und wächst, deshalb müssen die Firmengebäude erweitert werden. Für die Autoparkplätze im Innenhof ist dann kein Platz mehr. Der soll begrünt werden.

Überhaupt ist Grün ein Thema, das einem beim Firmenrundgang überall begegnet. Der Chef der Logistik erklärt, wie wegesparend die Lieferungskette bei Vaude organisiert sei. Die Leiterin des Testlabors zeigt eine Waschmaschine, die etliche Waschgänge in einem simuliert – mit einer einzigen Wasserfüllung. Der Leiter der Fertigung betont, dass man jetzt überhaupt kein – billiges, aber gesundheitsschädliches – PFC mehr verarbeite und komplett auf – teureres, aber recycelbares – Polyurethan (PU) umgestiegen sei.

Vaude soll unter von Dewitz die ökologischsten Wanderhosen, Rucksäcke, Zelte in der Branche herstellen, "wir wollen der nachhaltigste Outdoorhersteller Europas sein". Als eines der ersten Unternehmen hat Vaude den deutschen Nachhaltigkeitskodex unterzeichnet. Die Firma kooperiert mit der Naturschutzorganisation WWF, 2011 wurde sie von der Stiftung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises ausgezeichnet.

"Meine persönliche Ökosauerei ist mein Mann, der fährt Auto"

"Die Outdoorbranche ist aus ökologischer Sicht nicht unproblematisch", sagt Bernhard Bauske, beim WWF Deutschland zuständig für Zusammenarbeit mit Unternehmen. Die Anforderungen an viele Produkte – zum Beispiel schwitzwasserdurchlässig nach außen und regenwasserdicht nach innen – machen die Verwendung umweltfreundlicher Materialien schwierig und teuer. "Was uns aber bei Vaude gefällt, ist, dass von der Firmenleitung bis zur Mitarbeiterebene alle das Thema Nachhaltigkeit sehr offen angehen und offen für Verbesserungen sind", so Bauske.

Im Sortiment von Vaude gibt es Taschen und Jacken aus recycelten PET-Flaschen. Eine eigene Reparaturwerkstatt flickt auch zwanzig Jahre alte Zelte, wenn Kunden sie einschicken. Auf ihre größte Umweltsünde angesprochen, sagte von Dewitz neulich bei einer Veranstaltung: "Meine persönliche Ökosauerei ist mein Mann, der fährt Auto."

Firmenrundgang beendet, von Dewitz braucht etwas zu essen. Dringend. "Ich vergesse das manchmal. Und dann merke ich es erst spät", sagt sie entschuldigend, als ihr eine Mitarbeiterin zur Kaffee-und-Kuchen-Zeit das Mittagessen bringt: eine Portion Pommes mit Mayonnaise. Genauer gesagt: eine Portion Mayonnaise mit Pommes. Biopommes, in Biofett frittiert, mit Biomayonnaise. Aus dem hauseigenen Vaude-Kiosk, für 2,50 Euro die Schale. Hunger gegen Höflichkeit: "Mögen Sie?", fragt sie, schiebt die Pappschale in die Mitte des Tisches und nimmt sich ein paar Pommes.