"Je mehr wir beschäftigt sind", schrieb einst Immanuel Kant, "je mehr fühlen wir, dass wir leben, und desto mehr sind wir uns unseres Lebens bewusst. In der Muße fühlen wir nicht allein, dass unser Leben so vorbeistreicht, sondern wir fühlen auch sogar eine Leblosigkeit." Der Königsberger Philosoph repräsentierte die Philosophie der Aufklärung mit ihrer emphatischen Aufwertung der Arbeit als Quelle von Eigentum, von Reichtum und als Kern der menschlichen Existenz und Selbstverwirklichung. Die frühere christliche Auffassung, dass Arbeit zwiespältig ist, sowohl Fluch als auch Segen, trat mit diesem aufklärerischen Optimismus in den Hintergrund, und die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts führte alsdann zu einer Verschiebung im Verständnis von Arbeit: Der Begriff wurde zunehmend auf produktive Erwerbsarbeit verengt. Juristisch kodifiziert, begründete die Arbeit fortan die Bindung des Individuums an breitere soziale Gruppen und vor allem an den Nationalstaat. Die Herausbildung der "modernen" Arbeit als Erwerbsarbeit geschah vor dem Hintergrund einer zunehmend globalisierten Weltordnung, die durch den Imperialismus gekennzeichnet war; die Wanderungsbewegungen von Migranten nahmen zu, die Handelsströme wurden dichter.

Dies sind freilich nur einige Facetten einer gewaltig großen Thematik. Wer wie die in Wien lehrende Historikerin Andrea Komlosy die Geschichte der Arbeit seit dem späten Mittelalter in globalhistorischer Perspektive auf rund zweihundert Seiten zu bändigen sucht, braucht also fundierte Kenntnisse, Mut zur Lücke und eine überzeugende Systematik. All dies findet sich in Komlosys sehr informativer und gut strukturierter Einführung, die sich vor allem auf die Gleichzeitigkeit und Kombination verschiedener Arbeitsverhältnisse konzentriert.

Im Sauseschritt durchmisst die Historikerin die Jahrhunderte und Kontinente und scheut sich nicht, ihre vielfältigen Befunde zuzuspitzen und allgemeinere Tendenzen zu identifizieren. Sie will "Arbeit gegen den Strich erzählen" und neben feministischen vor allem globalgeschichtliche Blickwinkel ausloten. So stellt sie etwa alte eurozentrische Weisheiten infrage wie die Annahme einer linearen Durchsetzung von freier Lohnarbeit im Zuge der Ausbreitung des Kapitalismus. Andrea Komlosy stellt heraus, dass sich Sklaverei und Zwangsarbeit als Grundkonstanten erweisen, die in der kapitalistischen Weltwirtschaft nicht verschwanden, sondern mit verschiedenen Formen von bezahlter Erwerbsarbeit kombiniert wurden.

Als einen zählebigen Mythos entlarvt sie auch die Vorstellung von einem "Normalarbeitsverhältnis" mit dem Mann als Brotverdiener in lebenslanger Vollbeschäftigung. Dieses Modell war immer nur einer Minderheit in wenigen Weltregionen zugänglich. Insgesamt verdeutlicht dieses Buch, dass die Geschichte von "Arbeit" eine riesige Bandbreite von Tätigkeiten und Konzepten umfasst – von der Arbeit am Fließband zum Hüten von Ziegen, von der Erziehung von Kindern zum Straßenverkauf von Zigaretten, von der Beziehungsarbeit zur Körperarbeit. Und dass Arbeit für die Mehrzahl der Menschen immer eher Last war als Lust.