BangkokSchöner fliehen

Bangkok hat nicht nur seine Tempel, sondern auch moderne Kunst. Sie erzählt von den Brüchen, die das Land spalten. Eine Tour mit dem Künstler Natee Utarit zu verborgenen Galerien und bemalten Brückenpfeilern. von Veronica Frenzel

Bangkok: Schöner fliehen

Installation des Architekten Revaree Nophaket im Kunstmuseum MOCA. Der Wächter gehört nicht zum Werk.  |  © Ralf Tooten

An manchen Orten ist Bangkok kühl und leise. Das ohrenbetäubende Knattern der Tuk-Tuks klingt dort gedämpft wie fernes Rauschen. Getönte Fensterscheiben wehren die sengenden Sonnenstrahlen, die Auspuffgase und die Gerüche der Garküchen ab. Einigen Bangkokern gefällt ihre Stadt so am besten. Einer von ihnen ist Natee Utarit. Der 43-Jährige zählt zu den international erfolgreichsten Künstlern Thailands.

An diesem Vormittag ist er in seinen klimatisierten Geländewagen mit dem Sonnenfilter auf den Scheiben gestiegen, in ein dunkles Parkhaus in der Innenstadt gefahren und von dort mit dem Lift in die marmorne Kühle eines Einkaufszentrums. Er kommt nur selten in die City, meist verbringt er seine Tage im Atelier, das neben seinem Wohnhaus liegt, am Rand der riesigen Stadt. Heute ist er hier, weil ich ihn gebeten habe, mir sein Bangkok zu zeigen.

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Für den Fremden scheint es ja so viele Bangkoks zu geben: die Stadt der Tempel und die der Nachtklubs. Der Wolkenkratzer und der Straßenhändler. Und das Bangkok aus den Nachrichten: eine Stadt in ständigem Aufruhr, am Rande des Bürgerkriegs. Wie leben Künstler mit all diesen Widersprüchen, wie gehen sie in ihren Werken damit um? "Ich helfe dir, Antworten zu finden", hat Utarit gesagt. Und mich ausgerechnet in die Silom Road bestellt, ins Jewelry Trade Center. Kunst würde man hier bestenfalls als Dekoration in den Schaufenstern vermuten.

Betrunkene weiße Männer in Öl glotzen den Betrachter an

Es gibt sie aber tatsächlich. Das Einkaufszentrum gehört einem chinesischen Geschäftsmann, dessen Sohn Kunstliebhaber ist. Der hatte seinen Vater überredet, Galeristen ein paar prominente Verkaufsflächen im Erdgeschoss günstig zu überlassen. Vor einem Jahr allerdings beschloss der Geschäftsmann, auch von den Galerien die normalen Mieten zu nehmen. Weil die nicht bezahlen konnten, verbannte er sie in den obersten Stock. Ins Erdgeschoss holte er noch mehr Edelsteinhändler.

Bangkok: Schöner fliehen

Natee Utarit in seinem Atelier  |  © Ralf Tooten

Utarit wartet hinter der verdunkelten Tür des silbernen Hochhausturms. Als er mich erkennt, tritt er kurz heraus. Mehr als 35 Grad heiß ist es an diesem Tag. Zurück im Foyer, wo es mindestens 15 Grad kühler ist, tupft er sich mit einem Stoffhandtuch Schweißperlen von der blassen Stirn, streicht mit der flachen Hand über sein weißes Leinenhemd, als wollte er das Draußen abstreifen.

"Die Kunst hat es schwer in Bangkok", sagt Utarit. "Die meisten Menschen haben mit so vielen anderen Dingen zu tun!" Er läuft zu den Rolltreppen, vorbei an den Auslagen, in denen es grün, weiß, blau, rot glitzert. Bangkok gilt als Welthauptstadt des Edelsteinhandels. Auch im Dachgeschoss tummeln sich Touristen, allerdings nur auf der Leinwand. Von einer Reihe Ölgemälde glotzen die Fratzen betrunkener weißer Männer den Betrachter an – Beobachtungen einer jungen thailändischen Malerin in Pattaya und Phuket. Hinter einem anderen Schaufenster bricht ein lebensgroßer Plastikhai durch ein viel zu kleines Aquarium. Kapitalismuskritik eines Nachwuchskünstlers. Es ist still hier oben. Erst auf den zweiten Blick erkennt man in einem der Räume eine schmale Frau hinter einem mächtigen Holzschreibtisch. Sie ist gerade für fünf Galerien zuständig. "Es kommen wenige Menschen, seit wir umgezogen sind", sagt sie. "Deshalb teilen wir uns die Arbeitszeiten auf."

"Dass die Galerien ohne das Wohlwollen von Geschäftsleuten kaum überleben können, hat auch mit der Einstellung vieler Künstler zu tun", sagt Utarit auf dem Weg in die Parkgarage. "Die meisten verkaufen ihre Arbeiten direkt an Sammler, sie wollen keine Provision an Zwischenhändler zahlen. Und sie wollen den Preis selbst bestimmen."

Der thailändische Kunstmarkt ist jung und eigen. Bis in die vierziger Jahre stand die Kunst in Thailand im Dienst der Religion. Malen und Bildhauern waren Handwerke, die die Mönche in den Tempeln lehrten. 1943 gründete dann ein italienischer Bildhauer, Corrado Feroci, die erste Kunsthochschule des Landes, die spätere Silpakorn-Universität. Er gilt heute als Vater der zeitgenössischen thailändischen Kunst. Wie die meisten Künstler des Landes hat auch Natee Utarit an der Silpakorn-Universität studiert. Sie liegt direkt gegenüber der alten Königsresidenz. Das Hauptgebäude gehörte mal zur Palastanlage, hier lebte der Kronprinz. Die Giebel sind deshalb goldverziert und gebogen, ähnlich wie die des Königspalasts. In der Uni-Galerie stellen regelmäßig bekannte einheimische Künstler aus.

In der abgedunkelten Kühle des Geländewagens fahren wir zum nächsten klimatisierten Ort. Zum Bangkok Art and Culture Centre (BACC), dem staatlichen Zentrum für zeitgenössische Kunst, das ein wenig an das New Yorker Guggenheim Museum von Frank Lloyd Wright erinnert. Eine etwas einseitige Stadttour. Hat Utarit mich falsch verstanden, oder besteht sein Bangkok wirklich nur aus Kunst?

Obwohl gerade keine Ausstellung stattfindet, ist im BACC auf jeder Ebene was los. Auf den weißen Bänken sitzen junge Thais mit Laptop auf dem Schoß. In einer Ecke vollführen fünf durchgestylte Mädchen Verrenkungen vor der Kamera einer jungen Fotografin. "Das Kulturzentrum ist Treffpunkt von Kunststudenten und jungen Kreativen", erklärt Natee Utarit. Darum wollte er es mir zeigen. Bangkok hat nicht viele Orte, an denen moderne Kunst Menschen anzieht.

Das BACC gibt es nur dank der Hartnäckigkeit von ein paar thailändischen Künstlern. In den neunziger Jahren forderten sie zum ersten Mal einen öffentlichen Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst. Die Politiker sagten zu, wieder ab, wieder zu. Regierungen wechselten. Kurz nach der Grundsteinlegung kündigte die Stadtverwaltung an, auf der Baustelle werde doch ein Einkaufszentrum entstehen. Die Künstler ließen nicht locker, sie behaupteten kühn, die Touristen wollten ihre Werke sehen. Vor sechs Jahren schließlich wurde das Kunstzentrum eröffnet.

Leserkommentare
  1. ...tupft er sich mit einem Stoffhandtuch Schweißperlen von der blassen Stirn, streicht mit der flachen Hand über sein weißes Leinenhemd, als wollte er das Draußen abstreifen..
    Engelsgleich abgehoben von der Realität der Thais, fast schon ein Gott..

    Eine Leserempfehlung
  2. ...Thailand Besuch werde ich mir das Museum auf jeden Fall anschauen. Vielen Dank für den Tipp. Ich bin wirklich gespannt.

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  • Schlagworte Thailand | Bangkok | Kunst | Künstler | Galerie
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