Im Jobcenter von Gelsenkirchen dürfen sie jetzt über das Betreuungsgeld nicht mal mehr reden. Der Geschäftsführer hat die Mitarbeiter schriftlich angewiesen, Arbeitslose nicht über die 150 Euro pro Monat zu informieren, die der Staat manchen Eltern von Kleinkindern zahlt. Die Vermittler aus dem Ruhrpott fürchten, dass Väter und Mütter sich sonst zu wenig Mühe bei der Stellensuche geben und lieber zu Hause bleiben. Schließlich wird Betreuungsgeld nur gezahlt, wenn ein Kleinkind keine Kita nutzt. Meistens heißt das: Die Mutter geht nicht arbeiten.

In Mecklenburg-Vorpommern geht die Landesregierung noch weiter: Sie zahlt jungen Eltern einen Zuschuss von 100 Euro zu den Kita-Gebühren, wenn Vater und Mutter ein Jahr nach der Geburt eines Kindes wieder voll berufstätig sind. Die Regierung in Schwerin honoriert also genau das Gegenteil dessen, was die Bundesregierung mit dem Betreuungsgeld unterstützt.

Zwölf Monate sind vergangen, seit die Familienpolitiker Grund hatten, stolz zu sein. Damals, im August 2013, löste die Regierung das von der ersten großen Koalition abgegebene Versprechen ein, für alle Kinder unter drei Jahren ausreichend Betreuungsangebote zu schaffen. Mittlerweile gibt es in Deutschland mehr Betreuungsangebote für Kleinkinder als in Frankreich, das oft als Vorbild gepriesen wird.

Die Familienpolitik ist verrückt. Nicht die Jobvermittler

Ein Jahr später ist die Stimmung gekippt. Für spürbare Fortschritte bei der Qualität der Kinderbetreuung bekommt die neue Familienministerin Manuela Schwesig kein Geld. Stattdessen muss sie Kritik einstecken für das Betreuungsgeld, das sie nie wollte. Wenn ein Behördenchef seine Mitarbeiter auffordert, eine staatliche Geldleistung zu verschweigen, dann stimmt etwas nicht.

Die Regierung hat aus ihrem Erfolg beim Kita-Ausbau nicht das Richtige gelernt. Die gute Erfahrung mit einem staatlichen Rechtsanspruch auf Betreuung hätten die Familienpolitiker nutzen können, um das Angebot an Ganztagsschulen auszubauen. Hunderttausende von berufstätigen Eltern wären dankbar für mehr und bessere Hortplätze. Ihre Arbeitgeber auch. Stattdessen verhält sich die Regierung, als sei ihre familienpolitische Mission erfüllt. Ambitionierte Projekte für Kinder und ihre Eltern gibt es im Koalitionsvertrag nicht. Erfolg macht träge.

Dabei ist bisher nicht einmal der Kita-Ausbau richtig geglückt. Fachleute empfehlen, dass Erzieher maximal drei kleine Kinder betreuen sollten. Dann können sie herbeieilen, sobald eins der Kleinen über die eigenen Füße stolpert, dann können sie vor dem Mittagsschlaf Lieder vorsingen und beim Mittagessen üben, wie ein Besteck gehalten wird. All das machen Erzieher älterer Kinder nicht. Doch ein Erzieher für drei Kinder – diesen Betreuungsschlüssel schaffen bisher nur die Kitas in Bremen und Baden-Württemberg. In anderen Bundesländern liegt das Zahlenverhältnis bei eins zu sechs.

Nach Berechnungen der Bertelsmann Stiftung fehlen in Deutschlands Kindertagesstätten 120.000 Erzieher, fünf Milliarden Euro wären nötig, um sie zu finanzieren. Die Personalausgaben für die Kitas im Land müssten eigentlich um etwa 30 Prozent höher sein als bisher. Selbst dann wäre das Problem noch nicht behoben, dass die Gehälter dringend steigen müssten. Nur einer von drei Erziehern arbeitet heute Vollzeit, vor 20 Jahren war das noch die Regel. Die Einkommen sind so niedrig, dass aus dem Erzieherberuf ein Job für kinderbegeisterte Idealistinnen mit besserverdienendem Partner wurde. Auch deshalb zieht es bisher wenig Männer in diesen Beruf.