Geflüchtete Christen in der St. Joseph-Kirche in der Stadt Erbil, die in der kurdischen Region des Irak liegt © SAFIN HAMED/AFP/Getty Images

Sie hat alles verloren, doch sie kann von Glück sagen, dass sie überlebt hat. Eine junge Christin rettete sich aus Mossul in die kurdische Stadt Erbil. In einem Fernsehinterview mit dem irakischen Sender Ischtar erzählte sie, wie die Kämpfer des Islamischen Staates (Isis) ihr Haus überfielen und ihre Familie vor die Wahl stellten, entweder zu sterben, zum Islam überzutreten, Kopfsteuer zu zahlen oder auszuwandern. Ohne Hab und Gut ist sie geflohen, nicht einmal ihren Personalausweis durfte sie mitnehmen. Ihr Haus gehört nun dem Islamischen Staat. Im Interview warf sie den Gotteskriegern vor: "Sagt der Koran nicht, ihr sollt kein Haus betreten, bevor ihr um Erlaubnis gebeten habt?" Die Christenhatz widerspreche den Geboten des Propheten Mohammed. Ein anderer christlicher Flüchtling schimpfte in die Kamera: "Das ist nicht der wahre Islam!"

Wirklich nicht? Aber was ist der wahre Islam? Isis besteht aus höchstens 20.000 Kämpfern, die auf Syrien und den Irak verteilt sind. Allein in Mossul leben rund zwei Millionen Muslime, viele davon sind bewaffnet. Warum finden sich unter ihnen keine "wahren" Muslime, die ihren christlichen Mitbürgern zu Hilfe eilen? Oder taucht der "wahre" Islam immer nur auf, um den Islam zu verteidigen?

Die Verfolgung der Christen durch Isis hat leider viel mit dem Islam selbst zu tun. Die Texte des Korans, die Hadithe des Propheten und die Geschichte der islamischen Eroberungen liefern Isis Argumente. So lesen wir in Sure 59:2, Mohammed habe die Juden, "die ungläubig sind", aus ihren Wohnstätten vertrieben. Vor seinem Tod versprach er: Ich werde die Juden und Christen von der Arabischen Halbinsel vertreiben und niemanden außer Muslimen dort leben lassen. Auch die Kopfsteuer, die Isis von den Christen in Mossul kassieren wollte, ist im Koran begründet, in Sure 9:29 heißt es: "Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und den Jüngsten Tag glauben (...), bis sie in Demut Tribut entrichten."

Zwei Wörter aus diesem Vers sind bezeichnend: Demut und Tribut. Nur wer demütig zahlt, wird als Christ den Status eines Schutzbefohlenen, eines dhimmi, erlangen. Kurz nach dem Tod Mohammeds eroberten dessen Nachfolger die Gebiete des heutigen Iraks, Syriens und Ägyptens, wo die Mehrheit der Bevölkerung Christen waren. Doch anstatt die Millionen "Ungläubigen" zu vertreiben, machten die Eroberer eine Kopfsteuer zu ihrer Haupteinnahmequelle. Die Steuer wurde nicht nur bei Juden und Christen erhoben, sondern auch bei Anhängern des Zoroastrismus, die extra zu Monotheisten erklärt wurden. Um der Steuer und anderen Repressalien zu entgehen, wollten Ende des 7. Jahrhunderts viele Christen im Irak Muslime werden, aber der Statthalter Al-Hadschadsch zwang sie, dhimmi zu bleiben.

Grundlage der dhimmi- Gesetze war unter anderem ein Dokument, das dem zweiten Kalifen des Islams, Omar ibn al-Chattab, zugeschrieben wird. Nachdem er Jerusalem im Jahr 638 erobert hatte, soll er einen Pakt mit den Christen der Stadt geschlossen haben, wonach die Christen ihren Glauben und ihre Kirchen behalten und unter dem Schutz der Muslime leben durften. Das verpflichtete die Christen zu enormen Gegenleistungen: eine dschisija, also eine Kopfsteuer zu zahlen, keine neuen Kirchen zu erbauen und keine alten zu restaurieren, keine Kreuze zu zeigen, keine Pferde zu reiten, keine Waffen zu tragen und keine Häuser zu bauen, die höher waren als die Häuser der Muslime. Christen mussten sich außerdem durch Kleidung und Haarschnitt zu erkennen geben: Der Kopf war vorn kahl rasiert und ohne Scheitel.

Wenn Isis jetzt die Häuser der Christen kennzeichnet, so ist das keine Erfindung unserer Tage. Zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert wurden die dhimmi- Gesetze zwar gelockert, weil die Scharia insgesamt kaum eine Rolle spielte. Kurzzeitig kam es zu einer relativ toleranten Form des Zusammenlebens. Doch mit den Kreuzzügen im 12. und 13. Jahrhundert wurden die antichristlichen Gesetze in den heutigen Gebieten Ägyptens und Syriens verschärft. Orientalische Christen mussten für die Verbrechen bezahlen, die die christlichen Eroberer aus dem Westen begingen. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Apartheid-Justiz im Osmanischen Reich außer Kraft gesetzt. In Saudi-Arabien allerdings mussten diese Gesetze nie angewendet werden, weil die Nachfolger Mohammeds seinem Wunsch entsprochen hatten und die Gegend von Juden und Christen für immer gesäubert hatten.

Isis verlangt jetzt also von den Christen in Mossul nichts anderes als das, was die ersten muslimischen Eroberer verlangten: Tribut und Demut. In einem Interview mit dem arabischsprachigen Sender Russia Today beschwerte sich Nikodemos Dawuud Matta, Bischof der Syrisch-Orthodoxen in Mossul, über die Brutalität von Isis im Umgang mit Christen und sprach von einem moralischen Genozid und von ethnischer Säuberung. Viele moderate Muslime hatten da die Übergriffe von Isis schon verurteilt und erklärt, dass der Schutz der dhimmis eine islamische Pflicht sei. Doch bei dem Begriff beginnt schon das Problem. Als der arabische Moderator von Russia Today das Wort dhimmi verwendete, verlor der Bischof die Fassung und erwiderte: "Wir lehnen das Wort ab. Denn wir sind keine Sklaven." Dass der Bischof den vermeintlich liberalen Muslimen erst erklären musste, dass ein Christ kein Ungläubiger und kein dhimmi ist, zeigt: Isis ist nicht das einzige akute Problem des Islams.