DIE ZEIT: Herr Professor Zimmer, muss Google wegen seiner Marktmacht zerschlagen werden, wie es Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel angedeutet hat?

Daniel Zimmer: Vor einem politischen Ratschlag sollte zunächst einmal eine gründliche Untersuchung der Fakten erfolgen. Was das betrifft, sind wir in der Monopolkommission bisher eher am Anfang als am Ende der Analyse. Wir wissen einfach noch zu wenig.

ZEIT: Was müssen Sie denn noch wissen? Google hat als Suchmaschine praktisch keine namhafte Konkurrenz mehr.

Zimmer: Das mag im Moment so sein. In der digitalen Ökonomie ist allerdings kaum etwas von Dauer. Ständig entstehen und vergehen Unternehmen. Nehmen Sie nur die Sozialen Netzwerke: In Deutschland galten SchülerVZ und StudiVZ noch vor noch nicht allzu langer Zeit als Platzhirsche. Heute ist praktisch jeder bei Facebook. Und morgen kann wieder ein anderer Anbieter vorne sein. Das bedeutet auch: Die große Marktmacht eines Unternehmens ist hier möglicherweise weniger schädlich als in traditionellen Industrien.

ZEIT: Warum?

Zimmer: Weil sich diese Marktmacht nicht so leicht ausnutzen lässt. Ein Monopol ist insbesondere dann problematisch, wenn der Monopolist sich nicht mehr um seine Kunden bemühen muss. Wenn Monopole aber angreifbar sind, kann es sich niemand leisten, sich einfach zurückzulehnen.

ZEIT: Es sei denn, es gelingt einem Monopolisten, mögliche neue Wettbewerber auszuschalten, bevor sie gefährlich werden.

Zimmer: Das stimmt. Der Markt kann seine disziplinierende Wirkung nur entfalten, wenn die potenziellen Wettbewerber auch eine Chance haben – und zum Beispiel nicht einfach von den alteingesessenen Firmen aufgekauft werden, bevor sie genug Schlagkraft entwickelt haben.

ZEIT: Google hat in den vergangenen Jahren immer wieder aufstrebende Wettbewerber und spannende Technologien aufgekauft. Nutzt der Konzern seine Marktmacht nicht schon über das gesunde Maß hinaus aus?

Zimmer: Die Gefahr besteht. Deshalb müssen die Wettbewerbsbehörden streng darauf achten, dass Google ein mögliches Monopol nicht durch solche Praktiken in unzulässiger Weise absichert. Da hat die Fusionskontrolle in der Vergangenheit oft nicht genau genug hingesehen. Wir raten aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt davon ab, mit sehr drastischen Mitteln wie der Zerschlagung von Unternehmen zu operieren. Und wir gehen davon aus, dass die Menschen freiwillig eine bestimmte Suchmaschine benutzen und im Prinzip zu einer anderen wechseln können.

ZEIT: Ist diese Annahme denn richtig? Bei einem Wechsel zu einer anderen Suchmaschine muss der Kunde in aller Regel ein schlechteres Angebot in Kauf nehmen.

Zimmer: Das ist ein wichtiger Punkt. Eine Suchmaschine kann für einen Nutzer besonders attraktiv sein, weil sie eine sehr zielgenaue Trefferliste erzeugt. Diese Treffsicherheit kann darauf beruhen, dass der Betreiber der Maschine nach einem längeren Zeitraum etwas über die Vorlieben des Suchenden herausgefunden hat. Diese Kenntnis kann auf früheren Suchen, aber auch auf der Erbringung ganz anderer Dienstleistungen beruhen. Bei einem Wechsel der Suchmaschine sind die Treffer dann nicht mehr so genau.

ZEIT: Was für die These spricht, dass Google mehr ist als eine Suchmaschine. Schon heute bietet das Unternehmen vielfältige Dienstleistungen an. Darunter auch den derzeit erfolgreichsten Internetbrowser. Müssen Sie das nicht berücksichtigen?

Zimmer: Das tun wir. Google begleitet uns auf Schritt und Tritt, wenn wir uns im Internet bewegen. Das ist mit einer Reihe von Problemen verbunden: Google ist zum Beispiel auch ein wichtiges Werbemedium, und es besteht die Gefahr, dass es Werbekunden aufgrund seiner Marktstellung die Bedingungen diktieren kann. Außerdem spielt Google eine wichtige Rolle für Unternehmen, Institutionen oder Personen, für die es entscheidend sein kann, auf den Trefferlisten weit oben angezeigt zu werden. In der Praxis dürften die meisten Suchenden sich nicht mehr als drei Seiten ansehen. Die Platzierung ist also sehr wichtig. Gleichwohl sehe ich nicht, dass sich aus all dem eine Allmacht des Konzerns ergibt.