Niemand sagte ein Wort

Jens Hase gehört zu den ersten Ostdeutschen, die 1989 über die Prager Botschaft in die Bundesrepublik  flüchteten. Erst bei seiner Ausreise erkannte er, wie "paranoid" die DDR war.

DIE ZEIT: Herr Hase, Sie gehörten zu den Tausenden, die in der Prager Botschaft Zuflucht suchten und schließlich mit dem Zug in den Westen ausreisen durften. Hatten Sie damals Angst?

Jens Hase: Und wie. Das Schlimmste für mich war aber nicht die Zugfahrt in den Westen, sondern – erst einmal nach Prag zu gelangen. Nie zuvor und nie wieder danach hatte ich so eine Angst wie in jenen Tagen.

ZEIT: Was ist auf dieser Reise passiert?

Hase: Ich saß im Zug von Eisenach nach Prag. Kurz vor der Grenze – der Zug stand – kam eine Zöllnerin auf mich zu und kontrollierte meinen Ausweis. Sie ahnte wohl, dass ich flüchten wollte. Ich hatte einen großen Rucksack dabei. Damals kampierten ja schon Hunderte Ostdeutsche in der Prager Botschaft, die SED wollte unbedingt verhindern, dass noch mehr Menschen dazukommen. Die Grenzbeamtin fragte mich, was ich in Prag wolle. Da fing ich an zu stottern.

ZEIT: Was sagten Sie?

Hase: Ich behauptete, ich wolle einen Freund besuchen, Pavel. Wie denn der Pavel mit Nachnamen heiße, fragte die Frau. Darauf fiel mir nichts mehr ein. Dann schickte sie mich auf die Bordtoilette, dort sollte ich mich nackt ausziehen und meinen Rucksack leer räumen.

ZEIT: Warum mussten Sie das machen?

Hase: Pure Schikane! In dem Moment weinte ich nur noch leise vor mich hin. Dann kam ein Schaffner und sagte, der Zug müsse weiterfahren. Die Zöllnerin ließ mich auf dem Klo zurück und stieg aus. In Prag angekommen, flüchtete ich sofort in die BRD-Botschaft, da blieb ich einige Wochen, bis Hans-Dietrich Genscher die Ausreise mit den Zügen ausgehandelt hatte.

ZEIT: Diese Fahrt sollte durch die DDR führen, das hatten sich die SED-Funktionäre ausbedungen. Wie haben Sie reagiert, als Sie das hörten?

Hase: Ich war kurz davor, alles wieder abzusagen. Anfangs wollte ich mich auf keinen Fall in diesen Zug setzen. Ich vermutete, die DDR würde uns wieder linken. Aber die westdeutschen Diplomaten beruhigten uns. Sie sagten, Genscher garantiere uns eine sichere Reise.

ZEIT: Immer wieder haben während der Fahrt Menschen versucht, auf den Zug aufzuspringen. Haben Sie das auch miterlebt?

Hase: Ja! Irgendwann kam ein Stasioffizier in unser Abteil. Wir mussten ihm unsere Ausweise geben. Der Zug hielt gerade. In meiner Ausweishülle steckten 70 Mark, mein Geld für Notfälle. Das wollte ich diesem Typen nicht überlassen. Also nahm ich es und warf es aus dem Fenster. Zum Glück habe ich das gemacht! Denn dabei sah ich, dass draußen ein Mann stand und in den Zug hinein wollte. Ich bedeutete ihm, er müsse warten. Als der Stasityp das Abteil verlassen hatte, zogen wir den Mann hinein.

ZEIT: Sie haben ihn an Bord geholt?

Hase: Ja. Er zitterte am ganzen Körper.

ZEIT: Haben Sie heute noch Kontakt zu ihm?

Hase: Nein. Ich weiß nicht, was aus ihm wurde.

ZEIT: Blieb es immer friedlich in dem Zug?

Hase: Eigentlich schon. Ich erinnere mich nur an eine eigentümliche Szene. In Dresden hielten wir an. Da stand weit und breit kein Mensch, es war still, auch im Zug sagte niemand ein Wort. Dann entdeckte ich auf dem Bahnsteig einen einzigen kleinen, pummeligen Polizisten, der auf den Boden starrte.

ZEIT: Was passierte daraufhin?

Hase: Die Leute im Zug fingen an, den Mann wüst zu beschimpfen. Ich habe auch mitgebrüllt. Die Polizei war ja damals unser aller Feindbild Nummer eins. Als der Zug wieder losrollte, sah ich, dass der Mann seine Hand vor den Bauch hielt und uns heimlich winkte.

ZEIT: Aus Zynismus?

Hase: Glaube ich nicht. Das war nicht boshaft gemeint. In dem Moment dachte ich: Es gibt nette Polizisten in diesem Land, vielleicht ändert sich hier doch noch etwas.

ZEIT: Wann waren Sie sich sicher, dass Sie es wirklich in den Westen geschafft haben?

Hase: Als wir die Grenzanlagen an uns vorbeiziehen sahen. Da war ich ein letztes Mal völlig fassungslos. Heute wissen wir alle, wie gut die Grenzen gesichert waren – weitaus mehr, als wir damals ahnten. Wir fuhren an diesen unzähligen Zäunen, Türmen und Grenzbaracken vorbei. Da wurde mir erst richtig bewusst, wie paranoid dieser Staat war. Aber die Fassungslosigkeit ging ganz schnell in eine wahnsinnige Feierstimmung über. Wir grölten nur noch – bis wir in Hof in Franken am Bahnhof ankamen.

ZEIT: Hatten Sie irgendeinen Plan, wohin Sie nun gehen könnten?

Hase: Ja, den hatte ich, denn meine Eltern lebten damals schon in Krumbach in Süddeutschland. Die waren schon einige Monate vor mir ausgereist. Erst einmal wurde ich jedoch in ein Aufnahmelager nach Gießen geschickt, dort meldete ich mich bei allen möglichen Behörden an, bekam 200 D-Mark geschenkt und einen Freifahrtschein. Danach konnte ich es nicht mehr erwarten. Ich fuhr mit dem Zug nach Augsburg, dort hätte ich eigentlich zwei Stunden lang warten müssen. Aber ich hielt es nicht mehr aus. Ich ging zu einem Taxifahrer und fragte ihn, ob die 200 D-Mark ausreichten, um mich bis zu meinen Eltern zu fahren. Sie reichten. Als ich meine Mutter und meinen Vater endlich umarmen konnte, war das ein so emotionaler Moment. Ich könnte heute noch heulen, wenn ich daran zurückdenke.

ZEIT: Gab es nach dieser Zugfahrt auch wehmütige Momente – in denen Ihnen klar wurde, dass Sie ihr ganzes bisheriges Leben hinter sich gelassen hatten?

Hase: Die Wehmut kam einige Jahre später. Ich habe am Anfang oft Heimweh gehabt, Sehnsucht nach den Freunden von früher. Wir waren in Eisenach eine riesige Clique gewesen, wir hatten jeden Tag zusammengehockt. Aus diesem früheren Leben ist mir nichts geblieben. Die Polizei hatte meine Wohnung schon wenige Stunden nach meinem Verschwinden beschlagnahmt. Ich habe bis heute kein einziges Zeugnis, kein Kinderbild, einfach nichts mehr von früher. Aber jetzt lebe ich zusammen mit meiner Frau und zwei tollen Kindern in unserem eigenen Haus in Günzburg, in Bayern. Ich arbeite in einem tollen Beruf, als Jobcoach. Ich hatte viel Glück, aber vor allem hatte ich Mut.