Ruinen der St.Martins-Kirche im belgischen Ypern, aufgenommen am 5.Januar 1917 © Hulton Archive/Getty Images

Ein Effekt bewegt Deutschland: der Clark-Effekt. Seit fast einem Jahr hält sich das Buch des australischen, in England lehrenden Historikers Christopher Clark Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog in den Bestsellerlisten. Es beruht auf umfangreichen Archivstudien in acht Ländern. Glänzend geschrieben, hellt es die südosteuropäische Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs umfassend auf und wirft nicht nur auf die serbische Politik vor dem Attentat von Sarajevo neues Licht, sondern auch auf die aktive Rolle, die Russland und Frankreich bei der Verschärfung des Konflikts an der Südwestgrenze des Habsburgerreiches spielten. Dass die Krise von 1914 außerordentlich komplex war, ist eine der zentralen Aussagen Clarks. Er belegt sie sehr eindrucksvoll.

Der Erfolg des Buches in Deutschland hat aber noch einen anderen Grund. Was Clark über die Berliner Politik in der Julikrise von 1914 schreibt, ist von einem hohen Maß an Verständnis, ja Sympathie geprägt. Der "Blankoscheck", den das Deutsche Reich am 6. Juli, acht Tage nach der Ermordung des Wiener Thronfolgerpaars in Sarajevo, dem Zweibund-Partner Österreich-Ungarn ausstellte, war nach dem Urteil der meisten Historiker eine fatale Wendung auf dem Weg in den Ersten Weltkrieg: Er ermöglichte erst jenes österreichische Ultimatum an Serbien vom 23. Juli, das die entscheidende Eskalation brachte. Clark hingegen sieht in der Berliner Vollmacht für Wien "eigentlich keine risikofreudige Strategie, sondern eine Strategie mit dem Ziel, das wahre Ausmaß der von Russland ausgehenden Bedrohung zu sondieren".

Die Überwältigung der zivilen Reichsleitung in Berlin durch das Militär in den Wochen vor Kriegsausbruch leugnet Clark, wenn er pauschal feststellt: "In Russland, Deutschland und Österreich, Großbritannien und Frankreich blieb die militärische Planung letztlich den politischen und strategischen Zielen der zivilen Führungen untergeordnet." Er attestiert dem "Vorkriegssystem", es habe 1914 in einer Konstellation gesteckt, "aus der Krieg der einzige Ausweg war". Eine Kriegsschuldfrage stellt sich für ihn folglich gar nicht mehr. "Die Krise, die im Jahr 1914 zum Krieg führte, war die Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur."

Deutschland wäre, wenn Clark recht hätte, damit gewissermaßen aus dem Schneider. Zwar vertritt kaum noch jemand die These von der deutschen Alleinschuld, wohl aber wird in der einschlägigen Literatur häufig von der Hauptverantwortung des Deutschen Reiches oder der beiden Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn gesprochen. Dass Clark mit seiner Behauptung von der immanenten Kriegslogik des Vorkriegssystems die Schuldfrage beiseiteschiebt, erklärt die überwältigende Zustimmung, auf die er in Deutschland, und nur hier, stößt. Er hat ein großes, überwiegend älteres und konservativ gestimmtes bildungsbürgerliches Publikum gefunden, in dem manche ihn geradezu wie einen Erlöser feiern. Er gilt inzwischen vielen als Befreier von jener nationalen "Selbstdemütigung", der sich Deutschland unterzogen habe, als sich vor einem halben Jahrhundert die Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer, Autor des 1961 erschienenen Buches Griff nach der Weltmacht, in der Geschichtswissenschaft und der Öffentlichkeit durchzusetzen begannen.

Clarks Beispiel hat Schule gemacht. So nennt der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler in seinem in vieler Hinsicht bemerkenswerten Buch Der Große Krieg die deutsche Politik im Sommer 1914 "waghalsig" – "verantwortungslos" aber sei sie nicht gewesen. Zum Blankoscheck an Österreich bemerkt er, Berlin habe auf Risiko gespielt, "um die Gefahr eines eskalierenden Krieges zu bannen". Die Reichsleitung habe Wien "die Möglichkeit eines begrenzten Militärschlags gegen Serbien" eröffnet, "um einen Krieg gegen Russland mit allen zu erwartenden Weiterungen zu verhindern". Fritz Fischer, dem Münkler, stark vergröbernd, die These von der Alleinschuld Deutschlands unterstellt, ist aus seiner Sicht der Urheber eines Geschichtsbildes, das es auch aus aktuellen politischen Gründen zu überwinden gilt: "Weil wir historisch schuldig sind", so fasst Münkler im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung diese Sichtweise zusammen, "müssen, ja dürfen wir außenpolitisch nirgendwo mitmachen; wir kaufen uns lieber frei, wenn es darum geht, Europa an den Krisenrändern zu stabilisieren."

Eine Gruppe von drei jüngeren Historikern und einer Publizistin – Dominik Geppert, Sönke Neitzel, Cora Stephan und Thomas Weber – fühlte sich durch Clark und Münkler ermutigt, Anfang 2014 in einem gemeinsamen Artikel in der Welt erleichtert festzustellen: "Die Schuldfrage, in deutscher Selbstbezogenheit lange Zeit der zentrale Begriff, ob als Skandalon oder als Selbstbezichtigung, spielt [...] keine entscheidende Rolle mehr." Der Erste Weltkrieg sei der Beginn vieler Schrecken gewesen, darunter die "Moralisierung des Krieges". Die multipolare Welt von heute erfordere mehr denn je "die realpolitische, nicht die moralische Antwort auf das Weltgeschehen".

Anders als Münkler verbinden die vier von der Welt ihren Beitrag zur Revision früherer Kriegsschuldthesen nicht mit einem Plädoyer für mehr außenpolitische Verantwortung, sondern mit einer Absage an die supranationale Einbindung Deutschlands: Die hierzulande beliebte Vorstellung von der friedensstiftenden europäischen Einigung beruhe, sofern sie das Nationale überwinden wolle, auf einer falschen Prämisse – der seit den sechziger Jahren "unter deutschen Politikern, in Schulen und Redaktionsstuben verbreiteten Weltsicht [...], Deutschland habe nicht nur den zweiten, sondern auch den ersten der beiden Weltkriege angezettelt".

Noch bündiger fertigt ein anderer Autor, Jörg Friedrich, die vermeintlichen Moralisten in Wissenschaft und Öffentlichkeit ab. "Die ›Schuld am Weltkrieg‹ gehört zum Propagandasektor", schreibt er in seinem Buch 14/18. Der Weg nach Versailles. In einem Interview mit dem Magazin Cicero nennt Friedrich das deutsche Publikum schuldverliebt. "Aber schuld ist jemand an einem Verkehrsunfall, nicht an dem gegenseitigen Abschlachten von Abermillionen Leuten." Schuld sei keine historische Kategorie. "Niemand fragt, wer schuld gewesen sein soll an der Reformation oder der Völkerwanderung. Das ist Quatsch."

Die Revisionisten in Sachen 1914 von Clark bis Friedrich unterscheiden sich in vielem. Gemeinsam ist ihnen, soweit es um die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges geht, eine altmodisch wirkende Konzentration auf die Diplomatiegeschichte, die Geschichte der "Haupt- und Staatsaktionen". Von den politischen Systemen und den Gesellschaften der beteiligten Großmächte ist so gut wie gar nicht die Rede. Diese Blickverengung hat ihren Preis. Sie erschwert einen Vergleich der Kriegsbereitschaft bei den einzelnen Nationen. In allen Ländern, deren Armeen sich seit August 1914 im Kampf befanden, gab es eine Kriegspartei – in Deutschland aber war sie sehr viel stärker als in Großbritannien und Frankreich. Das hatte Gründe, die weit in die Vergangenheit zurückreichen. Deutschland war keine parlamentarische, sondern eine konstitutionelle Monarchie. Der Reichskanzler war dem Kaiser, nicht dem Reichstag verantwortlich. Die militärische Kommandogewalt des Königs von Preußen, der in Personalunion Deutscher Kaiser war, bedurfte nicht der ministeriellen Gegenzeichnung. Damit ragte ein Stück Absolutismus in das Verfassungsrecht und die Verfassungswirklichkeit des Kaiserreichs hinein.