Der Aufstieg der Sozialdemokraten, die schon seit 1890 die stärkste Partei waren und nach den Reichstagswahlen vom Januar 1912 auch zur stärksten Fraktion wurden, erfüllte die herrschenden Schichten mit großer Sorge. Manche Politiker und Publizisten der Rechten hielten einen Krieg für den einzigen Ausweg, um die Gefahr eines weiteren Linksrucks und einer Demokratisierung des Kaiserreichs dauerhaft zu bannen. 1911 schrieb etwa das Deutsche Armeeblatt: "Für die inneren Verhältnisse wäre ein großzügiger Waffengang auch recht gut, wenn er auch den einzelnen Familien Tränen und Schmerzen bringt." In der Post, der führenden Zeitung der freikonservativen Deutschen Reichspartei, war am 26. August 1911 zu lesen: "In weiten Kreisen herrscht die Überzeugung, daß ein Krieg nur vorteilhaft sein kann, indem unsere prekäre politische Lage geklärt und die Gesundung vieler politischer und sozialer Zustände herbeigeführt wird." Als August Bebel, der Vorsitzende der SPD, am 9. November 1911 diese Stimmen im Reichstag zitierte, um anschließend vor der Katastrophe eines Weltkrieges, dem "großen Kladderadatsch", zu warnen, verzeichnete das Protokoll mehrfach "Lachen" und "große Heiterkeit" und den Zuruf von rechts: "Nach jedem Krieg wird es besser."

Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg teilte die Meinung der Kriegspartei mitnichten. Er befürchtete von einem Krieg vielmehr eine weitere Stärkung der Sozialdemokratie, ja den Sturz der Monarchie. Er lehnte auch einen Präventivkrieg gegen die Mächte der Triple Entente, also Russland, Frankreich, Großbritannien, bis in den Sommer 1914 hinein ab. Nach dem Attentat von Sarajevo aber gab er dem Drängen des Militärs nach und tat, was die Kriegspartei von ihm erwartete: Mit dem Blankoscheck für Österreich nahm er bewusst das Risiko in Kauf, dass sich aus dem Konflikt zwischen Wien und Belgrad ein Weltkrieg entwickeln konnte.

Die Gründe für sein Umschwenken hat Bethmann Hollweg am 24. Februar 1918, wenige Monate nach seinem Sturz als Reichskanzler, in einem Gespräch mit dem Abgeordneten Conrad Haußmann von der Fortschrittlichen Volkspartei zumindest angedeutet. "Ja, Gott, in gewissem Sinn war es ein Präventivkrieg. Aber wenn der Krieg über uns hing, wenn er in zwei Jahren noch viel gefährlicher und unentrinnbarer gekommen wäre und wenn die Militärs sagen, jetzt ist es noch möglich, ohne zu unterliegen, in zwei Jahren nicht mehr. Ja, die Militärs." Den ehemaligen Regierungschef plagten Skrupel und Zweifel. Der Krieg wühle in ihm, er frage sich, ob er sich hätte vermeiden lassen, was er, Bethmann Hollweg, hätte anders machen können. "Alle Völker haben eine Schuld, auch Deutschland hat eine große Mitschuld."

Im Gegensatz zu den revisionistischen Historikern von heute wich der Kanzler des Jahres 1914 der Schuldfrage rückblickend also nicht aus. Er handelte im Juli 1914 nach eigenem Zeugnis nicht als "Schlafwandler", sondern, entgegen seiner Natur, wie ein Vabanquespieler. Indirekt räumte er ein, dass Deutschland im Juli 1914 eine krisenverschärfende Politik betrieben hatte, und er nannte die treibende Kraft beim Namen: die Militärführung.

Anders als Clark und Münkler es darstellen, machte sich in Deutschland die Politik mithin im entscheidenden Augenblick zum Vollzugsorgan der Militärinteressen. Clarks These von der "gemeinsamen politischen Kultur" im Europa des Jahres 1914 bedarf folglich der Korrektur. Die entscheidende deutsche Besonderheit arbeitet Jörn Leonhard in seinem Buch Die Büchse der Pandora prägnant heraus: In Deutschland fehlte "ein funktionierendes ziviles Gegengewicht, eine wirksame Kontrolle des Militärs", weshalb hier "ein Vakuum entstehen konnte, in dem panikartige Einkreisungsvorstellungen und die schnelle Festlegung auf bestimmte Reaktionsmuster ein Übergewicht gewinnen konnten [...]. Mit seiner Politik bis zum 23. Juli, Druck auf die Wiener Regierung auszuüben, um die gegebene Situation auszunutzen und mit den Serben abzurechnen, kam Deutschland ohne Zweifel eine besondere Verantwortung in der Julikrise zu."

Die Abwehr moralischer Fragen und Urteile durch einige der jüngeren Revisionisten erinnert auffallend an Ideenkämpfe vergangener Zeiten. Im Ersten Weltkrieg stellten die deutschen Kriegsideologen der universalistischen Moral der westlichen Demokratien ein Denken entgegen, das aus den Tiefen der deutschen Kultur schöpfte und Normen mit weltumspannendem Anspruch wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zurückwies. "Realpolitik", ein deutscher Begriff aus den 1850er Jahren, der längst in viele andere Sprachen eingewandert war, bedeutete in seinem Mutterland inzwischen nur noch Machtpolitik, verbunden mit einer entschiedenen Absage an die angeblich heuchlerischen Ideale des Westens wie Menschenrechte und Demokratie. An diese Denkmuster knüpfte nach 1918 die intellektuelle Rechte der Weimarer Republik, die sogenannte Konservative Revolution, an: eine Bewegung, auf deren Denkerzeugnisse im Bedarfsfall später auch die Nationalsozialisten zurückgriffen.

Die Errichtung der ersten deutschen Demokratie, der Republik von Weimar, war bekanntlich eine Folge der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg. Erst gegen Ende des Krieges hatten sich die gemäßigten Kräfte in Bürgertum und Arbeiterschaft, vertreten durch das katholische Zentrum und die linksliberale Fortschrittliche Volkspartei auf der einen, die SPD auf der anderen Seite, zu jener Zusammenarbeit durchgerungen, ohne die eine parlamentarische Demokratie undenkbar gewesen wäre. Die Geburt der Demokratie aus der Niederlage war die schwerste Vorbelastung des Weimarer Staates und eine der tieferen Ursachen seines Scheiterns. In der revisionistischen Literatur zum Ersten Weltkrieg taucht dieser Zusammenhang aber gar nicht auf.

Wer jede Verbindung zwischen der Demokratieabwehr der deutschen Eliten vor 1914 und Deutschlands Weg in den Ersten Weltkrieg leugnet, wird versucht sein, in alter Manier "Versailles", den Friedensvertrag von 1919, zur Ursache allen folgenden Übels zu erklären. Wenn Deutschland "nur" am Zweiten Weltkrieg schuld ist, am Ersten aber nicht, ist es kein weiter Schritt mehr zu der Behauptung, dass Hitler eben der große "Betriebsunfall" der deutschen Geschichte war. Das schreibt bisher keiner der Revisionisten. Aber wenn es richtig ist, dass der "Clark-Effekt" sich wesentlich aus tief sitzenden nationalapologetischen Bedürfnissen erklärt, dann liegt die Vermutung nahe, dass diese Folgerung bereits von vielen Deutschen gezogen wird.

Was die Revisionisten zur Ortsbestimmung der Gegenwart beitragen, ist höchst anfechtbar. Münkler hat recht, wenn er Deutschland davor warnt, jedwede Beteiligung an humanitären Interventionen und friedenserhaltenden Maßnahmen unter Hinweis auf seine Vergangenheit abzulehnen. Aber aus gegenwartspolitischen Erwägungen heraus den Deutschen eine weniger selbstkritische Betrachtung ihres Anteils an der Auslösung des Ersten Weltkriegs zu empfehlen läuft auf eine Umdeutung der Geschichte in volkspädagogischer Absicht hinaus.

Noch abwegiger sind die nationalen, ja nationalistischen Töne, die die vier Welt-Autoren anschlagen. Wenn sie den deutschen Befürwortern der supranationalen Einigung Europas unterstellen, sie wollten, soweit sie konsequent sind, letztlich ein Europa ohne Nationen, bedienen sie Stimmungen und Ressentiments, an die seit einiger Zeit auch die AfD und zuweilen die CSU appellieren. Das Postulat einer Geschichtsschreibung "ohne normativen Ballast", wie es einer der Verfasser des Welt-Manifests, Sönke Neitzel, unlängst in anderem Zusammenhang aufgestellt hat, führt vollends in die Irre. Eine Geschichtswissenschaft, die dieser Devise folgt, würde entweder in plattem Positivismus landen oder bei jenem spezifisch deutschen Verständnis von "Realpolitik", das mit dazu beigetragen hat, Deutschland auf den Weg in den Ersten Weltkrieg zu führen. Es ist Zeit für eine Selbstrevision der Revisionisten.