Es ist ein Postkartenidyll, in dem Toni* und Farid* gelandet sind: Grüne Wiesen, tiefe Wälder, über den Feldweg hüpft ein Hase. Der Bürgerkrieg, vor dem sie mit ihren Familien geflohen sind, ist weit weg. Nichts in diesem Dorf in Süddeutschland erinnert an die Hölle von Aleppo, dieser umkämpften und zerbombten Stadt im Norden Syriens. Oder genauer gesagt: fast nichts.

Farid ist katholischer Kurde, Toni armenisch-orthodoxer Christ. In Syrien zählten sie zu einer religiösen Minderheit, der es unter dem Regime von Baschar al-Assad relativ gut ging. Aber je mehr Dschihadisten der Bürgerkrieg anzog, desto stärker gerieten Christen ins Visier von radikalen Muslimen. In Deutschland, dachten Farid und Toni, würde das anders sein. Doch dann fanden sie sich in einer Flüchtlingsunterkunft wieder, in der auch Islamisten aus Tschetschenien wohnten.

Konflikte in Flüchtlingsunterkünften und Asylbewerberheimen sind nicht ungewöhnlich. Im vergangenen Jahr attackierten radikale Tschetschenen eine moderate muslimische Familie in einem Heim in Eisenhüttenstadt, weil sie diese nicht fromm genug fanden. Manchmal kracht es zwischen Sunniten und Schiiten. Und oft führen gar nicht Religion oder Politik zum Streit, sondern Alkohol, der Lagerkoller oder persönliche Antipathien. Doch seit die Bürgerkriege in Syrien und im Irak eskalieren, steigt die Zahl der Flüchtlinge aus diesen Ländern – und eine Facette der dortigen Konflikte, nämlich die Ausgrenzung von Christen durch Islamisten, wird teilweise importiert.

"Ihr esst Schwein, mit euch spielen wir nicht!", riefen die Kinder der Islamisten

"Es begann mit den Kindern", sagt Farid. Er hat ein Kind, Toni zwei. Vor ein paar Monaten fingen die Kinder der Tschetschenen an, die anderen als kuffar, "Ungläubige", zu beschimpfen. "Ihr esst Schwein, mit euch spielen wir nicht!", riefen sie. Kurz darauf schlugen sie zu. Seitdem lassen Toni und Farid ihre Kinder nicht mehr alleine raus.

Die Stimmung in der Unterkunft ist angespannt. Die Tschetschenen haben den Schlüssel für den Sportraum an sich genommen: Er ist jetzt eine Moschee. Farid und Toni fühlen sich eingeschüchtert. Die Tschetschenen, berichten sie, hätten sich die Schädel geschoren und die Bärte wachsen lassen. Bei jeder Gelegenheit skandierten sie laut Allahu akbar, "Gott ist groß". "Und sie schauen diese Videos aus dem Internet an", sagt Farid. "Keine Nachrichten. Sondern Kriegsfilme, Bombenanschläge, aus Syrien." Er vermutet, dass es sich um Propagandavideos handelt. Wenn seine Frau kocht, sagt Farid, lässt sie den Topf nicht mehr aus den Augen: "Nicht dass die uns da was reintun."

"Wir sind nach Deutschland gekommen, um solche Leute nicht mehr sehen zu müssen", sagt Toni. "Jetzt wohnen wir mit ihnen zusammen." Die Deutschen, glaubt Farid, erkennen das Problem nicht so richtig.

Die Syrer haben sich bei der Heimleitung beklagt, doch passiert ist nichts. Weil die Anonymität der beiden gewahrt werden soll, war es nicht möglich, die Betreiber der Unterkunft und die tschetschenischen Bewohner mit den Vorwürfen zu konfrontieren. Aber gemeinsame Recherchen der ZEIT und des Bayerischen Rundfunks (BR) zeigen, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Auch wenn das Bundesinnenministerium auf Anfrage mitteilt, dass "Erkenntnisse zu gezielten Angriffen auf christliche Flüchtlinge" nicht vorlägen, und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) ebenfalls keine solchen Vorfälle kennt.

Da sind zum Beispiel Shabo und Sandy K.*, ein christliches Ehepaar aus dem irakischen Mossul, die im vergangenen Jahr in Bayern von einem islamistischen Mitbewohner terrorisiert wurden. Europa müsse islamisiert werden, tönte der Mann, der aus Syrien stammte. "Unsere Religion ist besser als eure, der Tag wird kommen, an dem wir die Welt beherrschen!" Fast täglich beleidigte er das Ehepaar, weil sie Christen sind. Betrat Sandy die Küche, schrie er sie an. Das Kind der Familie verprügelte er. Am Ende ließen Shabo und Sandy ihren Sohn aus Angst nicht mehr aus dem Zimmer.

Wenn man sich unter orientalischen Christen in Deutschland umhört, erzählen viele eine ähnliche Geschichte. "Nicht immer geht es um direkte Bedrohungen. Aber es ist nicht ungewöhnlich, dass christliche Flüchtlinge von Islamisten als ›kuffar‹ oder ›Schweine‹ beschimpft werden", sagt Pater Gaby Geagea aus Frankfurt am Main, ein Geistlicher der maronitischen Kirche, die mit der römisch-katholischen Kirche uniert ist und deren Mitglieder vor allem aus dem Libanon und Syrien stammen. "Es gibt eine deutliche Feindseligkeit gegenüber Christen."

Auch der CSU-Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer kennt solche Berichte. "Allerdings verbunden mit der Erkenntnis, dass bei Nachfragen eigentlich generell nicht Ross und Reiter genannt werden, offensichtlich auch deswegen, weil schon eine gewisse Einschüchterung erfolgt ist", sagt er. In Hessen haben islamistische Flüchtlinge christlichen Flüchtlingen Bibeln aus der Hand geschlagen, wird berichtet. In einem Heim im Süden putzt eine anscheinend islamistisch eingestellte Afghanin jedes Mal die Türklinke ab, nachdem eine christliche Migrantin aus dem Nahen Osten sie angefasst hat. In Bremen sollen islamistische Flüchtlinge versucht haben, einem christlichen Flüchtling die sogenannte "Kopfsteuer" für Nichtmuslime abzupressen.

"Am schlimmsten ergeht es Exmuslimen, die zum Christentum konvertiert sind", berichtet ein ehrenamtlicher Helfer aus der Flüchtlingsarbeit, der anonym bleiben möchte, um seine Klienten nicht zu gefährden. "Die werden regelmäßig geschlagen." Das Spektrum reicht von subtilem Mobbing bis zu Drohungen und psychischer oder physischer Gewalt.

Viele Betroffene schrecken vor einer Anzeige zurück

Deutsche Behörden bekommen davon oft nichts mit, wie die Antworten auf Anfragen der ZEIT und des BR bei Integrations- und Sozialministerien, Verfassungsschutzämtern, Kommunalverwaltungen und Flüchtlingsunterkünften in mehreren Bundesländern nahelegen. Das hat Gründe. Zum einen wird die Religionszugehörigkeit von Flüchtlingen in der Regel nicht erfasst. Zum Zweiten dürften viele Betroffene vor einer Anzeige zurückschrecken – aus Angst vor Vergeltung oder weil sie befürchten, so ihre Anerkennungschancen zu verringern. Und drittens ist das Personal in den Unterkünften oft nicht in der Lage, den Grund eines Streits zu erkennen. "Es würde helfen, wenn die Heimleitungen mit der Thematik vertraut wären und wenn es mehr Sozialarbeiter gäbe, die Arabisch sprechen", sagt Ani Cakir von der Armenischen Landsmannschaft in München.

Aus Angst vor ihrem Mitbewohner kehrten sie in den Irak zurück

Der Fall von Shabo und Sandy K. ist auch ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn die Betroffenen sich im Stich gelassen fühlen. Nachdem der syrische Islamist ihr Kind verprügelt hatte, wandte sich das Ehepaar an Christian Salek, einen syrischstämmigen Juristen in München. Der versuchte, ehrenamtlich zu helfen, und forderte den Syrer schriftlich zu einem klärenden Gesprächen auf. Das Schreiben blieb ohne Antwort. Stattdessen drohte der Mann Shabo K., er werde sich rächen, falls dieser seine Beschwerde nicht zurückziehe: "Ich werde dich finden, egal wo, und dir keine Ruhe lassen!"

"Ich bin mit dem BaMF in Verbindung getreten, auch mit der Polizei, aber ohne richtige Reaktion", berichtet Christian Salek. "Die haben einfach nicht ernst genommen, was ich erzählt habe. Sie haben gesagt, das ist nur ein Streit zwischen zwei Personen, zwischen zwei Ausländern, das muss man nehmen, wie es ist." Salek sagt, er habe um eine Verlegung der Familie gebeten, aber es habe geheißen, freie Plätze gebe es nicht. Bei der Polizei ging damals allerdings keine formelle Anzeige ein, der Kontakt lässt sich heute nicht mehr eindeutig rekonstruieren. Das BaMF wusste, dass es Probleme gab, und regte deswegen immerhin eine vorgezogene Anhörung der Familie im Asylverfahren an. Da war es aber schon zu spät: Shabo und Sandy K. waren zu dem Zeitpunkt schon so zermürbt, dass sie im Herbst 2013 aus Angst vor ihrem islamistischen Mitbewohner in den Irak zurückkehrten.

Simon Jacob, der Vorsitzende des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland, glaubt, dass es angesichts solcher Vorfälle Veränderungen geben muss: "Flüchtlinge, besonders wenn diese zu den Opfern extremistischer Gruppierungen gehörten, sollten am besten getrennt nach Religion Zuflucht finden." Auch der CSU-Politiker Singhammer plädiert für eine gemeinsame Unterbringung christlicher Flüchtlinge. Und ergänzt: "Ich glaube, man sollte auch klar sagen: Wir wollen diese Art von Mobbing nicht. Wer hierherkommt und ein Fluchtrecht, ein Asylrecht in Anspruch nimmt, darf so etwas nicht machen."

Vielleicht hätte ein genaueres Hinschauen der Familie K. tatsächlich helfen können. Nach langen Vorgesprächen ist es ZEIT und BR letzte Woche gelungen, mit dem Ehepaar per Skype zu sprechen. Shabo und Sandy K. leben mittlerweile in Erbil im Nordirak – wie Tausende andere Christen flohen sie aus Mossul vor der Terrorgruppe "Islamischer Staat", die allen Christen drohte, sie zu ermorden, falls sie nicht konvertieren.

"Ich bereue es, Deutschland verlassen zu haben", sagt Shabo K., dem es erkennbar nicht gut geht. "Aber meine Frau war schwanger, und sie hat es nicht mehr ertragen." Dass ihre Lage nach der Rückkehr in den Irak noch gefährlicher werden würde, als sie es zuvor gewesen war, konnte Familie K. nicht ahnen. Nun wollen Sandy und Shabo erneut versuchen, nach Europa zu fliehen. "Das Leben meiner Kinder ist das Allerwichtigste", sagt Shabo.

* Namen auf Bitten der Betroffenen geändert