Der Weg ist nicht ausgeschildert, er steht in keiner Karte. Aber in Vallon Pont d’Arc im Südosten Frankreichs kennen sie ihn natürlich, denn es ist der Weg zu einem Schatz, der in die ganze Welt strahlt. Da, wo der Fluss Ardèche durch ein Felsentor strömt und Kalksteinklippen aufragen, geht es steil bergan. Durch Eichenwald und über eine Galerie im Fels, über die schon die Menschen der letzten Eiszeit gegangen sind. Dann plötzlich, mitten in der wilden Landschaft: Überwachungskameras und eine in die Steilwand eingelassene Panzertür.

Dahinter liegt der Eingang zur Grotte Chauvet, einer Höhle mit zehn kathedralengroßen Sälen, die 230 Meter tief in den Berg hineinführen. Vor 36.000 Jahren hat der Homo sapiens dort drinnen Kohle und Ocker in die Hand genommen und die Höhlenwände mit Mammuts, Wollnashörnern, Rentieren, Wildpferden, Löwen und Höhlenbären bemalt. Lebensecht, vom Balztanz der Löwen bis zum Barthaar der Bären. Die Eiszeitkünstler nutzten das Relief des Gesteins, um die Tiere plastisch erscheinen zu lassen. Bewegung, Perspektive, Hintergrund – alles da. Es sind die ältesten bekannten Felskunstwerke der Welt. Seit Juni dieses Jahres gehören sie zum Welterbe der Unesco.

Seit ihrer Entdeckung 1994 ist die Grotte geschützt. Die Franzosen haben aus dem Desaster von Lascaux gelernt: Die Felsbilder in der "Sixtinischen Kapelle der Eiszeit" schimmeln, schuld sind die Atemluft der einstigen Besucher und eingeschleppte Bakterien. In die Chauvet-Höhle kommt mit Ausnahme weniger Wissenschaftler niemand rein.

Deshalb entsteht auf der anderen Talseite eine exakte Kopie der Höhle. Der sichelförmige Rohbau thront auf einem Hochplateau – wie vom Himmel gefallen, halb Ufo, halb Stonehenge. Mit gewaltigem technischem Aufwand werden hier 8.500 Quadratmeter Originalhöhle zu 3.000 Quadratmetern verdichtet. Geologen haben Boden, Wände und Decken per Laserscanner in ein digitales 3-D-Modell überführt, das in ein Relief aus Stahldraht übertragen und mit Acrylharz, Beton und Lehm überzogen wird. Zwölf Bildhauer ahmen Risse, Rillen, Falten und Kalkablagerungen täuschend echt nach. Jeder von ihnen schafft etwa drei Quadratmeter am Tag.

Die Eröffnung ist für das Frühjahr 2015 geplant. Wegen eines Namensstreits wird die Kunstgrotte zwar nicht Chauvet heißen (sondern Caverne du Pont d’Arc), aber sie wird genauso 13 Grad kühl sein, dieselbe Luftfeuchtigkeit und den gleichen Geruch nach kaltem Lehm bekommen. Im Halbdunkel werden die Besucher über Stege spazieren und zu ihren Füßen abgenagte Rentierknochen, Reste von Feuerstellen und Bärenschädel sehen. "Das Ding wird atemberaubend", sagt Harald Floss, Professor für Urgeschichte an der Universität Tübingen. Er forscht in der echten Höhle und ist Mitglied des Comité Scientifique, das die Bauherren berät und das angeschlossene Museum konzipiert. Die kommerziellen Vermarkter des Großprojekts säßen immer mit am Tisch. "Doch unser Wort hat Gewicht. Der Nachbau wird wissenschaftlich authentisch sein."

Und so ist auch derjenige, der die beiden wichtigsten Bild-Ensembles kopiert, zugleich Prähistoriker und Künstler. Gilles Tosello hat sein Atelier im Industriegebiet von Toulouse; drinnen stehen 45 Quadratmeter künstliche Höhlenwand, auf die Tosello gerade das große "Löwen-Fresko" malt, tupft, kratzt und wischt. In der Chauvet-Höhle liegen diese Bilder im hintersten Saal in ewiger Dunkelheit. Tosello verbringt seit Wochen sechs Stunden täglich vor dieser riesigen Jagdszene. Im September wird er seine Werke auf die Baustelle im Ardèche-Tal liefern. Beim Malen versucht er mit jedem Strich in die Geisteswelt der Eiszeitkünstler vorzudringen. "Es waren höchstens vier oder fünf Menschen, die dies geschaffen haben", sagt Tosello. Alles Rechtshänder. Waren es Männer oder Frauen? Handabdrücke gibt es von beiden.

Für Tosello beginnt die Geschichte, die das große Fresko erzählt, ganz rechts auf einem runden Felsvorsprung. Darauf ist der Unterkörper einer Frau gemalt, in den ein massiger Bison eindringt. In der Mitte jagt ein Rudel Löwen einer Bisonherde nach, links geht die Szene in friedlich grasende Nashörner und Mammuts über. "Dies ist keine Geschichte über Tiere", sagt Tosello. Das Bild beantworte die ewigen Fragen der Menschheit: Woher kommen wir? Was ist der Sinn des Lebens? Und wohin gehen wir nach dem Tod?

Schamanismus, Totemismus, Animismus, Jagdmagie – die Theorien zur Bedeutung der Felskunst sind zahlreich. Für keine gibt es absolut überzeugende Belege. Einig sind sich die meisten Wissenschaftler darin, dass die Bilder spirituelle Bedürfnisse stillten. So wie die Türme gotischer Kathedralen in den Himmel gebaut wurden, um näher bei Gott zu sein, wagten sich vielleicht die Menschen der Eiszeit in die Tiefen von Höhlen vor: Wo es nicht weiterging, begann das Reich der Geister. Dort hinterließen sie prächtige Bilder.

Ein kleines Mädchen stellt Gilles Tosello an diesem Tag die Frage aller Fragen. Es ist mit seiner Schulklasse zu Besuch im Atelier. "Warum haben die Eiszeitmenschen gemalt?" Tosello reißt die Augenbrauen hoch. Ihn freut diese Frage. "Ganz ehrlich, ma petite, wir wissen es nicht. Frag dich selbst, warum du gerne Stift und Papier nimmst und malst. Vielleicht, weil du es einfach brauchst." Da nickt sie und versteht.