Der Schriftsteller Henry James um 1900 © Getty Images/Hulton Archive

Seien Sie lieber vorab gewarnt: Dieser Schriftsteller wird Sie nicht mehr aus seinen Fängen lassen, sobald Sie eine Zeile von ihm gelesen haben. Er dringt in Sie ein und ergreift von Ihnen Besitz; Sie werden ihm verfallen wie einer Droge und immer mehr von diesem Stoff wollen. Verblüfft werden Sie feststellen, dass Sie die Welt unwissentlich schon immer mit seinen Augen betrachtet haben – anderenfalls wird dieser Mann Ihnen jetzt die Augen öffnen. Verwerflich genug ist es ja, dass die allermeisten von Ihnen – so wie ich – bislang allenfalls seinen Namen und seinen Ruf kannten, dazu ein paar Titel seiner Hauptwerke. Denn schon nach wenigen seiner makellosen Sätze werden sich die allermeisten von Ihnen fassungslos fragen – so wie ich mich fassungslos gefragt habe –, wie es passieren konnte, dass Sie diesen Autor von Weltrang nicht schon vor Jahren verschlungen haben. Vieles wäre vielleicht anders verlaufen. So viel steht fest: Ein Leben ohne Henry James ist möglich, aber sinnlos.

Ungerecht ist es allemal, wie wenig bekannt der 1843 in New York geborene Autor hierzulande geblieben ist. Stendhal, Flaubert und Proust, Tolstoi und Dostojewski, Melville und Dickens scheinen als weltliterarische Klassiker des 19. Jahrhunderts den Deutschen vertrauter zu sein, trotz gar nicht einmal weniger James-Übersetzungen bis heute. Im angelsächsischen Raum hingegen wird Henry James, der wie kein anderer die zerklüfteten Seelen des späten 19. Jahrhunderts erforschte, kultisch verehrt; so unterschiedliche Autoren wie David Lodge und Colm Tóibín haben ihn sogar zur Romanfigur gemacht.

Auf dem Grabstein des 1916 verstorbenen James in Cambridge bei Boston steht, dass er der Interpret seiner Generation "on both sides of the sea" gewesen sei. Seine wohlhabende Familie reiste mit ihm und seinen Geschwistern, darunter sein Bruder William, später einer der Gründerväter des philosophischen Pragmatismus, jahrelang durch Europa. Zwischen den Welten war zeitlebens der Ort von Henry James, der als 21-Jähriger seine erste Kurzgeschichte veröffentlichte – zwischen Amerika und Europa pendeln viele seiner Figuren hin und her, räumlich und ideell. Seit 1875 lebte er, dessen homoerotische Neigung wohl als gesichert gelten kann, in England und wurde 1915 sogar britischer Staatsbürger.

Höchste Zeit, dass die Deutschen diesen Henry James richtig entdecken. Zum Beispiel in einem seiner bekannteren Hauptwerke, dem 1881 erschienenen Roman Washington Square, der jetzt in einer ausgezeichneten Neuübersetzung von Bettina Blumenberg vorliegt. "Er hat die Selbstsicherheit eines leibhaftigen Teufels", befindet darin der verwitwete Arzt Austin Sloper, nachdem er den attraktiven Hallodri Morris Townsend erlebt hat, der um seine sehr vermögende, reichlich unscheinbare Tochter Catherine wirbt. Das Haus am New Yorker Washington Square wird Ende der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts zur Arena im Ringen um die Tochter: Der modern-liberale Vater will seine schwer verliebte, etwas beschränkte Tochter vor dem durchtriebenen Müßiggänger bewahren, der sein eigenes Erbe durchgebracht hat. James inszeniert ein jahrelanges Tauziehen zweier Männer um eine Frau – ein "Experiment", wie es der rationalistische Vater lustvoll empfindet, der seine Tochter im Falle dieser Heirat enterben würde, was Morris nicht passen kann. "Solche Leute schreiben immer schön", warnt der Vater seine Tochter vor deren leidenschaftlichem Verlobten; dessen Schwester erklärt er: "Aber der Typ, zu dem Ihr Bruder gehört, wurde zu eurem Untergang geschaffen, und ihr wurdet dazu geschaffen, seine Mägde und Opfer zu sein." Aber auch eine einjährige Reise nach Europa mit ihrem Vater heilt Catherine nicht. Natürlich hat der Vater mit seiner Einschätzung recht – aber es ist die große Kunst von James, die Sache allmählich in ein anderes, oft fahles Licht zu tauchen, in dem bald alles zweideutig schimmert, bis zur letzten Seite niemals sicher vor überraschenden Wendungen. Der Intellekt des Vaters mutiert zur autoritär-eitlen Herrschaftsgeste, die dumme Blindheit der Tochter zu einer stillen, stolzen Emanzipation im totalen Unglück.

Noch ausgefeilter, noch abgründiger, noch ironisch sezierender freilich sind jene meisterhaften, zwischen 1873 und 1896 verfassten fünf Erzählungen, die jetzt in dem Band Wie alles kam erstmals auf Deutsch vorliegen, glänzend subtil übertragen von Ingrid Rein. Schier atemlos vor Bewunderung, erlebt der Leser, was James mit seinen Figuren veranstaltet. Gleich die erste Geschichte Georginas Gründe folgt einem fast montechristohaften Plot über mehrere Jahrzehnte und Kontinente: Die kluge junge New Yorkerin Georgina Gressie bedient sich brutalstmöglich ihres allzu redlichen Verehrers, des armen, daher eheuntauglichen Marineoffiziers Raymond Benyon, zur Befreiung aus dem elterlichen Haus. Doch was als notorische moralische Verworfenheit dieser Frau erscheint, entpuppt sich auf den letzten, ziemlich dramatischen Seiten als eine kaum erträgliche Zwangsläufigkeit ihres Handelns – als ob Georgina von einer tieferen Erkenntnis gesteuert würde. Da wissen wir aber schon, "dass das Wesen einer Frau ein merkwürdiges Mosaik ist".

In Augengläser ist es die zunehmende Sehschwäche der wunderschönen Flora Saunt, die ihr Leben zur fortschreitenden Tragödie macht. In der titelgebenden, verdüsterten Geschichte Wie alles kam entführt uns die Erzählerin in ein geheimnisvolles Fernverhältnis eines Mannes und einer Frau, die beide einmal Todesmomente anderer vorhergeahnt hatten – sollen sie sich treffen? Kurz bevor die Frau stirbt, wären sie einander schließlich beinahe begegnet – und wieder einmal gibt es ein Verhängnis.