Wer an den falschen Gott glaubt, darf gekreuzigt werden. So sehen das die Vorkämpfer des Islamischen Staates (Isis), deshalb schlugen sie Anfang Juli in Syrien, nahe Aleppo, acht Muslime ans Kreuz, die zum Christentum konvertiert waren. Auf den Abfall vom wahren Glauben steht die Höchststrafe – das war die Botschaft, die am helllichten Tag auf einem Marktplatz exekutiert wurde und abschreckende Wirkung hatte weit über Syrien hinaus. Isis hat sich innerhalb weniger Wochen den Ruf einer gnadenlosen Schreckensarmee erworben. Vielleicht ist das ein Grund, warum jetzt fast 25.000 Christen über Nacht aus Mossul flohen, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Nein, in der irakischen Stadt Mossul wurde bisher niemand von Isis gekreuzigt. Das erklärte der Erzdiakon der assyrisch-christlichen Gemeinde, Emanuel Youkhana, der aus einem Vorort von Mossul stammt, gegenüber der ZEIT. Viel mehr Gutes lässt sich jedoch über die Stadt aus der Frühzeit des Christentums, die auch als das orientalische Rom gerühmt wurde, nicht vermelden. "Es ist kaum eine Grausamkeit denkbar, die jetzt nicht verübt wird", sagte Youkhana, "erst von der sunnitischen Isis, aber mittlerweile auch von den gegnerischen Schiiten." Youkhana weiß von Enthauptungen durch Isis ebenso wie von der Folterung mutmaßlicher Isis-Kämpfer. Und er hat selber die christlichen Flüchtlinge getroffen, die es über die Demarkationslinie des "Islamischen Staates" bis in sicheres Gebiet nach Erbil, Karakosch oder Ninive schafften. Aber zu welchem Preis?

Einer alten Christin wurde an einem Kontrollposten ein Finger abgehackt, weil ihr Ehering, der konfisziert werden sollte, sich nicht abstreifen ließ. Youkhana sagt: "Die Gewalt ist unkontrollierbar, weil es kein militärisches Schlachtfeld gibt." Die Episode mit dem Ring illustriert, was er meint. Fliehen mag zwar besser sein als Sterben. Aber eine Flucht vor Isis ist keine Gnade – auch wenn Abu Bakr al-Bagdadi diese Option wie einen Gnadenerweis gewährte. Am 17. Juli, einem Donnerstag, hatte der selbst ernannte Kalif und Isis-Anführer den Christen von Mossul ein Ultimatum gestellt: Bis Samstagmittag müssten sie die Stadt verlassen haben, sonst würden sie hingerichtet. Die beiden anderen Optionen: Übertritt zum Islam (das kam nur für einige gebrechliche Christen infrage) oder das Zahlen einer Kopfsteuer. Diese Möglichkeit entfiel dann aber, weil zu einem vorher anberaumten Treffen von Isis, auf dem die Steuer verhandelt werden sollte, kein christlicher Religionsführer erschien. Wer möchte schon mit Gotteskriegern über den eigenen Status als "Ungläubiger" verhandeln und in Kontrakte einwilligen, die eine religiöse Willkürherrschaft besiegeln?

Also duckten die Christen sich weg. Sie hatten wohl nicht damit gerechnet, dass Abu Bakr sie umgehend zur Flucht auffordern würde, mit dem Hinweis, eigentlich sei der Islamische Staat berechtigt, all jene, die die Kopfsteuer verweigerten, hinzurichten. Am Freitag, 18. Juli, wurde das Ultimatum wiederholt und in den Moscheen ausgerufen: Konvertiert, flieht oder sterbt! Dann begann ein hektischer Exodus.

In Privatautos, in Taxis und zu Fuß strömten die Christen am 19. Juli hinaus in die irakische Sommerhitze. Sie ließen nicht nur ihre Häuser, ihre Wohnungen und ihr Erspartes zurück – die Banken hatten die Konten von Christen bereits zuvor eingefroren. An den "Kontrollposten" von Isis wurden die Flüchtlinge aus ihren Autos gezerrt und beraubt. Man nahm den meisten ihr Geld, ihren Schmuck, Handys, Laptops und überhaupt alles ab bis auf die Kleidung, die sie trugen. Wer angab, nichts von Wert bei sich zu haben, musste sich nackt ausziehen und wurde durchsucht.

In den Kirchen von Erbil und in der Ebene von Ninive erzählen sie jetzt das Drama ihrer Flucht. Einige dieser Berichte wurden von Geistlichen vor Ort aufgenommen, auch Youkhana hat eine DVD. Andere Berichte werden von den Mitarbeitern der christlichen Hilfsorganisationen weitergegeben. Sie zeigen immer dasselbe Muster: Ein fliehender Ungläubiger ist in den Augen der Rechtgläubigen vogelfrei.

Auf einem heimlich gefilmten Handyvideo sieht man die Genitaluntersuchung einer älteren Christin, die von zwei Frauen festgehalten und von einem Kämpfer "durchsucht" wird. Eine Familie erzählt, wie ihnen an einer Straßensperre mit der Vergewaltigung der Töchter gedroht wurde, wenn sie wirklich kein Bargeld geben könnten. Eine andere Familie wurde wie so viele aus dem Auto gezerrt und zu Fuß buchstäblich in die Wüste geschickt. Dort traf sie auf die nächste Isis-Patrouille, die die Frauen vergewaltigte. Hunderte Christen gingen einfach in der Wüste verloren. Manche wurden auf der Flucht enthauptet.

Es ist ein schnelles und ein langes Sterben zugleich. Seit der amerikanischen Invasion im Irak 2003 haben die Christen bereits drei Vertreibungswellen erlebt. Von den damals noch etwa 1,2 Millionen Christen sind heute schätzungsweise 300.000 übrig. Dass in Mossul kaum jemand zurückblieb, ist kein Wunder, hatte Isis doch schon vor dem Ultimatum die Bewohner terrorisiert. Ein junger Mann, der sich weigerte, sein Kreuz abzulegen, wurde verschleppt. Er wollte lieber sterben, als seinen Glauben zu verleugnen. Daraufhin zeigten ihm die "Rechtgläubigen", was sterben heißt, und begruben ihn bei lebendigem Leib.

Unterwerfung oder Tod: Diese Alternative war für die Christen absehbar, seit Isis in Mossul alle christlichen Häuser mit einem roten "N" kennzeichnete. Nasrani ist das arabische Wort für Christ. Daneben wurde in schwarzer Farbe der Hinweis gesprüht, das betreffende Haus gehöre dem Kalifat. Es folgte die Zerstörung christlicher Heiligtümer um Ninive, im biblischen Herzland. In Mossul selbst wurde das Grab des Propheten Jonas gesprengt, aus allen Kirchen und Klöstern entfernten die Islamisten die Kruzifixe. Sie zündeten Gotteshäuser an, plünderten sie oder erklärten sie zur Moschee.

Schwer zu sagen, welche Katastrophe größer ist: die humanitäre oder die kulturelle. Sie trifft eine Region, wo das christliche Erbe so alt ist wie das Christentum. Doch das sunnitische Kalifat bedroht keineswegs nur Christen, keineswegs nur Schiiten, sondern nun auch Sunniten. Ende vergangener Woche stellte Abu Bakr anderen sunnitischen Regierungsgegnern ein Ultimatum: Sie sollten sich Isis unterordnen oder die Region verlassen. Andernfalls würden sie im Namen Allahs bestraft.

Diese Strafe kann alles heißen. Soeben versuchte Isis, eine Pharmafabrik nördlich von Mossul zu besetzen. Der christlichen Stadt Karakosch wurde von Mossul aus der Strom abgedreht und, schlimmer noch, das Wasser. Weil Isis die Wasserwerke in Salamija kontrolliert, ist Karakosch ebenso ohne Trinkwasser wie Bartilla, Baschika und Basani. Dringend benötigt werden nun Tanks zum Herbeischaffen von Wasser und Grabungsgerät zum Ausheben von Brunnen.

Der Erzdiakon Emanuel Youkhana sagt, er sei beiden großen Kirchen in Deutschland dankbar für ihre moralische und praktische Unterstützung. Caritas International, Kirche in Not, missio und auch die EKD leisten derzeit Soforthilfe. Der Papst überwies zunächst 40.000 Euro aus Rom. Doch nun muss die internationale Gemeinschaft helfen, das politische und militärische Chaos zu beenden. Kleine Kontingente für die Flucht von Christen nach Europa sind nur für wenige eine Option, zumal die meisten in der Heimat bleiben wollen. Gemeinsam mit Muslimen beteten sie in den Kirchen ihrer Zufluchtsorte für ein Ende des mörderischen Kalifats. Christliche Bischöfe des Iraks riefen die UN auf, die Flüchtlinge zu schützen. Sie fürchten, das Land werde sonst bald christenfrei sein.