Ende des Jahres 1962 sah sich zuerst New York, dann rasch ganz Amerika aufgeschreckt durch eine machtvolle schwarze, in den Himmel schießende Stichflamme. Die renommierte Zeitschrift The New Yorker – zu deren Autoren so illustre Namen wie Norman Mailer, Susan Sontag, Mary McCarthy, John Updike zählten – veröffentlichte auf 85 Seiten den Aufsatz The Fire Next Time des 38-jährigen James Baldwin. Der Negerschriftsteller (wie er sich zeitlebens selber nannte) war kein Unbekannter mehr. Der 1924 in Harlem Geborene – keineswegs, wie fast überall und sogar noch in den Rowohlt-Ausgaben zu lesen, als Sohn eines schwarzen Priesters; vielmehr kannte er seinen Vater gar nicht; auch die bei seiner Geburt 22-jährige Mutter Emma kannte den wahren Erzeuger nicht – hatte 1953, ein Jahr nach der Rückkehr aus Paris, wohin er 1948 geflohen war, seinen ersten Roman Go Tell It on the Mountain publiziert. Bereits dieses Buch, wie auch der 1948 noch in den USA veröffentlichte Essay The Harlem Ghetto, zog harsche Attacken auf sich, ein führender Literaturkritiker sprach von "schickem Magazin-Journalismus", verunglimpfte den Autor als "schwarze Jeanne d’Arc", wie der homosexuelle Baldwin später auch als "Martin Luther Queen" beleidigt wurde. Indes ihn aber einer der bedeutendsten amerikanischen Kritiker, Edmond Wilson, als "einen der besten Schreiber des Landes" ausrief und ihn neben J. D. Salinger einen "der wenigen lesenswerten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart" nannte.

Was war das Besondere an James Baldwin, der die Hälfte seines Lebens in Europa und der Türkei verbrachte und 1987 in Vence, Südfrankreich, starb; dem der US-Postal Service 2004 zu seinem achtzigsten Geburtstag posthum eine Briefmarke widmete?

Das Motto, das er dem Aufsatz im New Yorker voranstellte, sagt viel über ihn aus: Es ist die Paraphrase eines Bibelspruchs durch den Gesang eines Sklaven – "God gave Noah the rainbow sign, No more water, the fire next time". Bibel und Sklave, Demut und Aufruhr, Liebe und Hass. Kein anderer amerikanischer Autor jener Jahre hat ein so scharfes Röntgenbild der Gesellschaft seines Landes geliefert, das er liebte, in das er immer wieder zurückkehrte – und das er hasste, auch fürchtete. Er schrieb und schrie als Opfer. Die Rassentrennung, der Rassen- wie Klassenkrieg, wie er es nannte, war nach unserer heutigen Vorstellung unbegreiflich, Mord an Schwarzen so alltäglich wie das Schild "For Whites Only" an Bussen, Clubs, Schwimmbädern, Restaurants; selbst die US-Army praktizierte bis Ende des Zweiten Weltkriegs strikte Rassentrennung: Schwarze GIs durften sich fürs Vaterland erschießen lassen; in einer Kantine mit weißen GIs essen durften sie nicht.

Das ist Baldwins Gefühlslage, der er Stimme gibt. "Ich weiß, und das ist das Verbrechen, dessen ich mein Land und meine Landsleute zeihe [...], ich weiß, dass sie hunderttausendfach Leben zerstört haben und immer noch zerstören", so steht es am Anfang seines rasanten Manifests. Doch nun das Seltsame: Baldwin selber will, bei aller inneren Wut, die anderen nicht verachten; er hat gar Mitleid mit dem weißen Amerikaner, der seine Seele verliert, die eigene Humanitas zerstört, jenes "pursuit of happiness" vergiftet, das doch das innere Gebot aller Amerikaner sein soll. Er will dieses Gift nicht selber in seine Adern rinnen lassen, so oft er auch dazu versucht ist – und er will den Schierlingsbecher seinen Landsleuten aus der Hand schlagen. Deswegen das Motto, das ja keine Drohung, sondern eine aufrüttelnde Warnung ist. Er will Harlem nicht brennen sehen, aber er will auch vom Ku-Klux-Klan nicht verbrannt werden. James Baldwin war mehr Bittender als Revoluzzer. Auch wenn bei seiner Beerdigung ein Dichter rief: "Jimmy was God’s black revolutionary mouth."

Ich erinnere mich an ein Abendessen mit ihm und einigen anderen Gästen bei mir in Hamburg. Eine allmählich von Rudolf Augsteins Berühmtsein-Getue aufgebrachte Hildegard Knef wurde wütend und sagte: "Du bist nicht berühmt, Rudolf. Geh mal in Alabama die Gangway runter, da erkennt dich kein Mensch – aber ich werde fotografiert!" Ganz leise sagte Baldwin: "... und ich totgeschlagen."

Leise war er nicht immer. Das legendäre Treffen mit Robert Kennedy, Justizminister in der Administration seines Präsidenten-Bruders im Jahr 1963, also kurz nach Veröffentlichung von The Fire Next Time, verlief stürmisch. Als der liberale Politiker, den Baldwin später "naiv" nannte, meinte, vielleicht könnte ja in vierzig Jahren sogar ein Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten werden, explodierte der Schriftsteller. "Das empört mich. Welches Recht hat der Sohn eines irischen Immigranten der ersten Generation, mir zu erzählen, wann unsereins Präsident werden kann! Ich bin hier seit vierhundert Jahren." (In seiner Wut hatte er sich geirrt – die Kennedy-Brüder waren Amerikaner der dritten Generation.) Das Treffen endete mit einem letzten Schlagabtausch. "Ihr seid gesegnete Menschen", sagte Robert Kennedy versöhnlich zum Abschied – nur, um von Baldwin ein schneidendes "Mein Leben ist nicht gesegnet, ich lebe in der Hölle" zu kassieren.

Nun lebte James Baldwin nach den schauerlichen Jugendjahren in Harlem seit Langem in keinerlei Hölle mehr. Er war inzwischen ein sehr erfolgreicher, in viele Sprachen übersetzter Autor, vermögend, konnte sich ausgedehnte Reisen, lange Europa-Aufenthalte und teure Hotels leisten. Doch was er hasste, war die herablassende Bonhomie jener Weißen, die ihm allzu jovial gegenübertraten. Für ihn war das ein beleidigender Gnadenerweis. "Dieses Gift werde ich zeitlebens nicht los."