Darf man den Bundespräsidenten ein Arschloch nennen? Johann Legner wollte es tun. Er hatte sich einen Satz zurechtgelegt für den Moment, in dem Joachim Gauck ihm noch einmal begegnet. "Herr Gauck, Sie sind ein Riesenarschloch." Das sollte Johann Legners Begrüßung sein, ein einziges Mal wollte er Gauck etwas entgegenschleudern.

Dann stand Gauck plötzlich vor ihm, unangemeldet tauchte der Bundespräsident vor dem Haus des Journalisten Legner in Berlin-Dahlem auf. Etwa ein Jahr ist das her. Gauck war von seiner Dienstvilla herübergelaufen, die nur ein paar Straßen entfernt ist. Die beiden Kleinkinder seiner Tochter Katharina waren mitgekommen, die Leibwächter auch, und Gauck ging durch die Allee mit den hohen Pappeln, blieb vor dem Haus mit dem hölzernen Erker stehen und klingelte. Gauck, so erinnert sich Legner, habe ihn mit einem versöhnlichen Lächeln gefragt: "Wollen wir spazieren gehen?" Legners Vorsatz, ihn zu beschimpfen, löste sich in diesem Moment restlos auf. "Ja", antwortete Legner brav, gehen wir spazieren.

Was hatte Legner für diesen Mann nicht alles getan? Er kennt Gauck seit fast einem Vierteljahrhundert, war sein Pressesprecher in der Stasi-Unterlagen-Behörde, die man Gauck-Behörde nannte. Danach trafen sie einander hin und wieder auf privaten Feiern, bis Gauck ihn im Jahr 2010 in sein Wahlkampfteam holte. Damals lief Gaucks erste und erfolglose Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten an. Noch heute stößt Legner in seinem Arbeitszimmer auf alte Aktenmappen, die ihn daran erinnern, dass Gauck keine Lust hatte, sich mit Details zu befassen. "Wie besprochen", steht darauf, daneben ein großes grünes G.

Wie oft hatte Legner ihn im Auto zu Terminen gefahren, ihm eine Fahrkarte für den Zug besorgt, das Ticket bezahlt, weil Gauck seine Kreditkarte wieder nicht finden konnte? Wie oft hatte Legner nach dem Schlüsselbund gesucht, den Gauck verlegt hatte? Manchmal bestand Gauck darauf, noch schnell seine Hemden selber zu bügeln, stellte sich dabei aber so umständlich an, dass ein anderer ihm prompt die Arbeit abnahm. "Er ist ein Meister der zelebrierten Hilflosigkeit", sagt Legner. Man spürt sofort die unerledigte Geschichte, sobald Legner über Gauck spricht. Sie handelt von sehr viel mehr als von gebügelten Hemden.

Als Gauck zum zweiten Mal Bundespräsident werden wollte, berief er Legner nicht mehr ins Wahlkampfteam. Gauck brauchte jetzt neue Leute. Daran war nichts Verwerfliches, kein Anlass für eine Beschimpfung, aber Legner fühlte sich ungerecht behandelt. Gauck bekam von Monat zu Monat mehr Aufmerksamkeit, Legner immer weniger. Gauck wird inzwischen ein Höchstmaß an öffentlicher Aufmerksamkeit geschenkt, Legner muss sich einen Rest von Aufmerksamkeit erkämpfen. Er schreibt an einer Biografie über Gauck, die in wenigen Monaten erscheinen soll. Das ist Legners Versuch, wieder zu Gauck aufzuschließen und Macht über ihn zu erlangen, zumindest Deutungsmacht, aber dieser Versuch kann natürlich nicht gelingen. So arbeitet noch heute die Wut in Legner.

Viel von der gemeinsamen Vergangenheit wurde aufgewirbelt, als Gauck bei Legner unerwartet vor der Haustür stand. Aber die Gefühle des Gekränkten erreichten Gauck nicht, weil Legner sich wieder von Gaucks Charme überwältigen ließ. Unvermittelt erzählte Gauck ihm interessante Vorgänge aus dem Präsidialamt, weihte ihn in persönliche Überlegungen ein, fragte ihn um Rat. Gauck nahm ihn so stark gefangen, wie er es immer getan hatte. Er verwandelte Legner binnen Minuten zurück in einen Wegbegleiter. Legner kapitulierte und fügte sich in seine Rolle. "Er hatte mich überrumpelt", sagt Legner.

Aus zwei Männern, die selbstständig sind und voneinander unabhängig, der eine 74, der andere 59 Jahre alt, wurden ein Redner und ein Zuhörer, ein Staatsoberhaupt und ein Untertan, die Hierarchie war wiederhergestellt. Legner wusste, dass die Vertrautheit schnell verfliegen würde, aber es nützte ihm nichts, das Muster erkannt zu haben. Er fand kein Mittel, sich Gauck zu entziehen.

Gauck kann Dinge, die Legner nicht kann. "Er kann aus Schwächen Stärken machen", sagt Legner, "er kann faul sein, unvorbereitet und überhaupt nicht neugierig. Aber das merkt kein Mensch, wenn er anfängt zu reden. Ich kenne niemanden, der eine Situation spontan so drehen kann wie er." Joachim Gauck ist ein Gedankenverflüssiger. Er kann eine politische Idee in ein tiefes Gefühl verwandeln und sich in dieses Gefühl so hemmungslos fallen lassen, dass es ihn am Ende selbst überwältigt. "Deswegen ist er in der Lage, in Tränen auszubrechen, wenn er nur die amerikanische Hymne hört", sagt Legner.

Das alles ist neu für die Bundesrepublik. Ein Land wundert sich. Man hat den Repräsentanten Deutschlands öffentlich weinen sehen, immer wieder, und man hat sich gefragt, wovon er mehr gerührt ist, von den Ereignissen oder von sich selbst. Man hat den Wutausbruch des türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan gehört, nachdem Gauck ihm während eines Staatsbesuchs die Leviten gelesen hatte. Man war erstaunt über Gaucks Geradlinigkeit, als er NPD-Anhänger "Spinner" nannte. Man war erstaunt über das Bundesverfassungsgericht, das die Wahl des Bundespräsidenten als "demokratisch veredelten Rückgriff auf das Erbe der konstitutionellen Monarchie" würdigte. Man war auch erstaunt über Gaucks Mahnung zu mehr Menschlichkeit im europäischen Flüchtlingsdrama, sein Bekenntnis zur deutschen Einwanderungsgesellschaft – und darüber, dass er sich zunächst weigerte, das Gesetz über höhere Diäten für Bundestagsabgeordnete zu unterschreiben.

Wo er auftritt, entsteht etwas, manchmal Streit, manchmal Bewunderung. Er kann mahnen, provozieren, belehren und begeistern. Bleibt die große Frage: Worauf will er hinaus? Will er die Politik vor sich hertreiben?

Vom früheren Bundespräsidenten Roman Herzog ist der Satz geblieben, durch Deutschland müsse ein Ruck gehen. Von Christian Wulff stammt der Satz, der Islam gehöre zu Deutschland. Müsste man sich heute, kurz vor der Mitte seiner Amtszeit, auf Gaucks wichtigsten Satz festlegen, dann wäre es seine Forderung nach stärkerer deutscher Verantwortung in der Welt. Damit sind auch militärische Interventionen gemeint, das macht es so brisant. Denkbar ist, dass er eine Kraftprobe wagen wird: Wer ist stärker, Gauck oder sein Amt?

Es lag in Trümmern, als Gaucks Vorgänger Wulff verschwunden war. Gaucks Aufgabe bestand darin, die Würde der Institution wiederherzustellen. Zur Würde benötigte er nicht viel mehr als sich selbst. Danach folgten die Inhalte. Sein zentrales Thema ist die Besinnung der Deutschen auf ihre Stärken – ihre gefestigte Demokratie, ihre Wirtschaftskraft und die daraus folgende Fähigkeit, sich mehr in die Probleme der Welt einzumischen. Das Land soll lernen, sich zu mögen. Es soll so selbstverliebt werden wie Gauck, das ist die unfreundliche Zusammenfassung. Die wohlwollende lautet: Der Bundespräsident verschenkt sein Zutrauen an sein Land.