Der Verteidiger gilt als "der einzige Freund" des Angeklagten im Gerichtssaal. Gute Freunde, heißt es, kann niemand trennen. Sind sie Verteidiger und Mandant, so kommen sie nach dem Beginn der Hauptverhandlung bis zum Urteil nicht mehr voneinander los. Nicht einmal dann, wenn einer von beiden das will – oder sogar beide es wollen.

Das zeigen die letzten Tage des Prozesses gegen Gustl Mollath: Kaum hatten die beiden Wahlverteidiger im Wiederaufnahmeverfahren des Landgerichts Regensburg in der vergangenen Woche die Ankündigung wahr gemacht, ihre Mandate niederzulegen, waren sie von der Strafkammervorsitzenden zu Pflichtverteidigern ihres Mandanten bestellt worden. Der Angeklagte hatte sich über das – aus seiner Sicht – einseitige gerichtliche Zeugenprogramm beklagt, an dem seine Verteidiger allerdings nichts auszusetzen hatten. Rechtsanwalt Strate war sogar voll des Lobes gewesen über die Sorgfalt, mit der das Gericht das angeklagte Geschehen aufzuklären versuche.

Festgestellt werden soll, ob Gustl Mollath vor dreizehn Jahren im Wahn seiner früheren Ehefrau bei einem Streit Fausthiebe versetzt, sie gebissen, gewürgt und eingesperrt und außerdem Reifen von Autos ihm missliebiger Personen zerstochen hat. Mollath verspricht sich von der neuen Hauptverhandlung, dass endlich die Rolle seiner Exfrau – damals Mitarbeiterin der HypoVereinsbank – bei angeblichen, von ihm selbst aufgedeckten Schwarzgeldgeschäften offenbar wird und damit auch das Motiv der Frau, ihm die bestrittenen Taten anzuhängen. Von diesen Vorwürfen hatte das Landgericht Nürnberg den Angeklagten 2006 nach kurzem Prozess wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen und ihn als vermeintlich gefährlichen Straftäter in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht.

Am Montag hatte Mollath, der nun wegen "erwiesener Unschuld" freigesprochen werden will, seinen beiden Verteidigern vorgeworfen, sie hätten nicht genug Zeit für ihn gehabt und deshalb nicht alle von ihm vorbereiteten 27 Beweisanträge gestellt. Das, entgegnete Rechtsanwalt Strate, sei eine Lüge, er habe Mollath erklärt, warum die Anträge "Mist" seien, der aber werde offenbar inzwischen anderweitig beraten. Durch seine Diffamierung habe Mollath die Vertrauensbasis der Verteidigung zerstört und solle besser "Ross und Reiter" nennen, sich also zu seinen neuen Beratern im Hintergrund bekennen.

Strates Antrag, deshalb die Pflichtverteidigerbestellung aufzuheben, hat sich auch Mollath zu eigen gemacht. Doch die Vorsitzende lehnte ab: Der Angeklagte sei "hervorragend verteidigt" und das Vertrauensverhältnis nicht "ernsthaft" gestört. Dem Angeklagten Mollath redete sie gut zu, Rechtsanwalt Strate habe "wahnsinnig" viel für ihn erreicht.

Freunde schulden einander Respekt. Der Mandant schuldet dem Verteidiger die Vergütung, und wenn der nur Pflichtverteidiger ist, nicht einmal die. Der Verteidiger schuldet seinem Mandanten Ehrlichkeit, Fürsorge, Rechtskenntnis und Fleiß bis zur Bereitschaft, die Nacht zum Tage zu machen, wenn der Fall das erfordert. Außerdem Mut, aber keinen Leichtsinn, Schutz vor den Medien und Gelassenheit gegenüber ihm selbst geltenden Angriffen – nur eines nicht: Gehorsam. Verlangt der Mandant etwa, dem Vorwurf einer Vergewaltigung mit dem Herabsetzen des Opfers (zum Beispiel wegen dessen vom Üblichen abweichenden Sexualverhaltens) zu begegnen, wird der Verteidiger das ablehnen.

Das Verhältnis zwischen Verteidiger und Mandant ist nicht immer so gesehen worden. Unter den Verteidigern der ersten Generation der RAF ließen sich manche ihre Anträge und Erklärungen von den Mandanten diktieren. So wurden die vorgeworfenen Taten mit dem Kombattantenstatus gerechtfertigt. Die gelegentliche öffentliche Anrede des Mandanten als "Genosse" entsprach dem Verhältnis zum Mandanten nicht so ganz, weil Letzterer die Verteidigung dominierte.