Juden und Muslime werden als verfeindete Lager wahrgenommen. Die auf mehreren Demonstrationen von Muslimen geäußerten antisemitischen Schmähungen sowie die Äußerungen einiger Imame während der Freitagspredigt, Gott möge alle Juden vernichten, werfen die Frage auf, ob der Judenhass religiöse Wurzeln im Islam hat.

Der Koran ist eine Botschaft zur Läuterung des Menschen. Wenn er historische Ereignisse anspricht, dann, um seinen Adressaten ethische und spirituelle Botschaften zu vermitteln, die ihnen auf dem Weg der Selbstläuterung und der Gestaltung einer gerechten Gesellschaftsordnung helfen sollen. Wenn es im Koran zum Beispiel heißt: "Und die Juden sagen: ›Den Christen fehlt die Sachkunde‹, und die Christen sagen: ›Den Juden fehlt die Sachkunde.‹ Dabei lesen sie doch die Schrift. Sie reden wie diejenigen, die kein Wissen haben. Am Tag der Auferstehung wird Gott zwischen ihnen richten, worüber sie uneins waren" (Koran 2:113) – dann will er, wie ich es sehe, damit nicht die Juden oder die Christen kritisieren, sondern grundsätzlich eine Haltung, anderen Menschen die Anerkennung zu verweigern. Mit anderen Worten: Würde der Koran heute verkündet werden, dann würde er auch viele Muslime kritisieren.

Nun begegnen uns im Koran auch Aussagen, die scharfe Kritik an Juden üben. Doch wenn der Koran dies tut, dann keineswegs, um die Juden zu diskreditieren, sondern, damit Muslime Schlussfolgerungen für ihr eigenes Verhalten ziehen. Aber genau diese interpretierende Leistung wird von vielen Muslimen heute nicht erbracht. Der Text wird als historische Information über alle Juden und Christen gelesen. Diese "literalistische" Lesart des Korans, die sich weder für den historischen Kontext noch für den tieferen Sinn der Aussagen interessiert, bietet eine Grundlage dafür, Judenhass im Namen des Islam zu legitimieren.

Wer den Koran so liest, kann alles Mögliche herauslesen. Zu den Juden äußert sich die Schrift nämlich auf unterschiedliche Weise. So werden an einigen Stellen die Juden als "Kinder Israels" bezeichnet und oft als solche direkt angesprochen. In dieser Bezeichnung werden sie an den Bund mit Gott erinnert (Koran 2:40) und teilweise dafür kritisiert, dass sie sich nicht an ihn gehalten hätten: "Wir schlossen mit den Kindern Israels einen Bund: Dient keinem außer mir und erweist den Eltern Güte und den Verwandten und den Waisen und den Armen und verwirklicht das Gebet und gebt die Spende. Dann wandtet ihr euch ab und rebelliertet bis auf wenige von euch" (Koran 2:83). Eine literalistische Lesart sieht in diesem Vers eine grundsätzliche Kritik an Juden. Doch geht es in Wahrheit darum, eine ganz bestimmte Haltung zu kritisieren, nämlich den Bund mit Gott abzubrechen und sich seiner sozialen Verantwortung zu entziehen oder, profaner ausgedrückt, seine Vorsätze nicht ernst zu nehmen und in Selbstsucht abzugleiten. Diese Haltung wird nicht den Juden im Allgemeinen, sondern ganz bestimmten historischen Juden vorgeworfen. An anderen Stellen im Koran werden Juden als Menschen der Schrift gewürdigt. Und der Koran warnt vor Pauschalisierung: "Sie sind nicht alle gleich. Unter den Leuten der Schrift gibt es eine Gemeinschaft, die für das Rechte einsteht. Sie tragen in der Nacht Gottes Zeichen vor und werfen sich vor Ihm nieder. Sie glauben an Gott und an den Jüngsten Tag und regen zum Guten an und verwehren Böses und wetteifern miteinander zum Guten. Sie gehören zu den Rechtschaffenen. Was sie an Gutem tun, nichts wird ihnen vorenthalten, und Gott kennt die Achtsamen" (Koran 3:113). Den Juden wird im Koran gar göttliche Belohnung und ewige Glückseligkeit versprochen (Koran 2:62).

Andererseits finden wir im Koran auch Aussagen wie diese: "Du wirst sicher finden, dass diejenigen Menschen, die sich den Muslimen gegenüber am meisten feindlich zeigen, die Juden und die Heiden sind" (Koran 5:82). Diese Worte beziehen sich indessen nicht auf alle Juden, sondern auf ganz bestimmte Gruppierungen, mit denen die Muslime im Krieg standen.