Als Tina Krifka im Januar einen Blick auf ihr Konto warf, hatte sie ein Guthaben von sieben Monaten. Eine ganz hübsche Summe nach zwei Jahren mit vielen langen Tagen im Büro. Drei Monate will Krifka jetzt davon abheben. Die Auftragslage ist stabil, eine neue Auszubildende entlastet die Kollegen. "Ein guter Zeitpunkt, um mal auszusteigen", sagt die 32-jährige Leiterin der Gehaltsabteilung der Software AG. Sie will eine Reise machen mit ihren Eltern, die sie in den letzten Jahren zu wenig gesehen hat. Sie will Luft holen nach sieben Jahren in der Firma. Während der Auszeit wird sie weiterhin ihr Gehalt bekommen. Schließlich hat sie auf ein Langzeitkonto eingezahlt.

Die Idee, dass Arbeitnehmer Flexibilität brauchen, um phasenweise mehr Zeit für sich, ihre Familie oder eine Weiterbildung zu haben, gibt es bereits seit den 1990er Jahren. Bis dahin war Arbeitszeit ein enges Korsett, das kaum Freiräume ließ; Männer schloss es ein, Frauen zum großen Teil aus. Mit dem Verschwinden der linearen Erwerbsbiografie jedoch entstand das Bedürfnis, Beruf und Privatleben besser zu vereinbaren. Der Begriff der Lebensverlaufsperspektive kam in Mode.

Dabei geht es um mehr als um ein einzelnes Sabbatical, bei dem der überarbeitete Manager für drei Monate den Jakobsweg abschreitet und voller Tatendrang wieder an den Schreibtisch zurückkehrt. Im Laufe des Lebens haben Menschen zu verschiedenen Zeiten verschiedene Bedürfnisse. Ein junger Berufsanfänger ohne Familie hat vielleicht kein Problem damit, die ein oder andere Überstunde zu machen; junge Väter und Mütter hingegen würden gern ein paar Jahre lang nur 20 Stunden pro Woche arbeiten. Sind die Kinder größer, ist wieder mehr Zeit für die Arbeit – bis die eigenen Eltern hilfsbedürftig werden und mehr Aufmerksamkeit verlangen. Die Erwerbszeit an diese Lebensphasen anzupassen, ohne in Auszeiten auf das Gehalt verzichten zu müssen – für Arbeitnehmer ist das eine attraktive Vorstellung.

In der Theorie ist die Idee von Langzeitarbeitskonten auch faszinierend einfach: Beschäftigte arbeiten in bestimmten Lebensphasen mehr und sparen Zeit auf einem Konto an. Später können sie auf dieses Konto bei Bedarf zurückgreifen und die vorgearbeitete Zeit für sich nutzen. Das Einkommen ist in beiden Phasen gleich, der Arbeitsplatz bleibt voll erhalten.

Das Langzeitkonto schafft ein anderes Selbstverständnis für Auszeiten. Ein Mitarbeiter verfügt eigenständig über sein Zeitbudget und kann in Absprache mit seinen Kollegen guten Gewissens seine Auszeit planen. Er hat sich die freie Zeit ja verdient. Zum Beispiel indem er an einem Projekt mit vielen Überstunden gearbeitet hat. Anstatt sich diese auszahlen zu lassen, hat er sie auf sein Konto gelegt. In einigen Jahren sammeln sich so ein paar Monate an.

Über 163.000 Stunden liegen derzeit auf der Langzeit-"Bank" der Software AG. Mit über 4.600 Mitarbeitern ist der Darmstädter Konzern eines der größten Softwareunternehmen Europas. 2001 wurden dort die Langzeitkonten eingeführt, fast alle Mitarbeiter zahlen darauf ein. Allerdings ist Tina Krifka eine der wenigen, die während ihres Erwerbslebens davon abhebt. Die meisten Mitarbeiter nehmen von der angesparten Zeit einfach ein paar Urlaubstage zusätzlich, ein Drittel will früher in Rente gehen.

Tatsächlich dachte man in den Personalabteilungen bei der Einführung der Lebensarbeitszeitkonten auch eher an solche Fälle. Ein Fünftel aller deutschen Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern bietet solche Konten an. Dabei ging es in erster Linie darum, den Mitarbeitern eine möglichst günstige Vorruhestandsregelung zu ermöglichen. Die Unternehmen konnten so Zuschläge für Überstunden vermeiden, und ihre Personalabteilungen mussten sich nicht um spontane Ausfallzeiten kümmern.

Schon dieses System birgt allerdings Probleme. Andreas Hoff ist einer, der die Einführung der Langzeitkonten von Anfang an begleitet hat und heute ziemlich ernüchtert ist. Als Arbeitszeitberater hat er seit den neunziger Jahren Personalmanager großer Unternehmen darin geschult, Mitarbeiter durch solche Konten an sich zu binden. Bald saßen jedoch immer mehr Vertreter von Finanzdienstleistern in seinen Seminaren, die ein neues Geschäftsfeld für sich entdeckten. Zeitkonten sind nämlich auch eine Wertanlage – und das macht dieses Modell ziemlich kompliziert.

Eine Stunde Arbeitszeit ist nicht einfach eine Stunde auf einem Konto. Arbeitszeit ist ein Wert, der entlohnt wird. Und um den zu ermitteln, wird die gesparte Zeit in Geld umgerechnet. Bei der Auszahlung wird dieses wieder in Zeit konvertiert. Es wird also ein Zeitwertkonto geführt, das wie jedes Konto auch verzinst wird. Arbeitgeber müssen das machen, um bei einer Insolvenz den Verlust des Kontos zu verhindern. Denn Zeit kann man nach einer Pleite nicht mehr auszahlen, Geld aber schon.