"Der Gendarm von Saint-Tropez" bringt bis heute Urlauber in das frühere Fischerdorf. © Macault/EPA/dpa

Louis de Funès ist der lustigste Kinoheld von der ganzen Welt. Das war in etwa das Fazit meiner filmwissenschaftlichen Forschungen Mitte der siebziger Jahre. Als Zehnjähriger fühlte ich mich mit diesem Wissen ganz weit vorn; ich hatte es mich viel kosten lassen, mein ganzes Taschengeld. Denn dieser kleine, rastlos ramenternde Mann, der vor Obrigkeiten buckelte, seine Untergebenen triezte und wie ein Kugelblitz durch die Kulissen rauschte, der von Film zu Film mal Oscar, mal Balduin oder sonst wie hieß, der eindeutig mehr Grimassen als Haare hatte, dieser Mensch gewordene Donald Duck – er brachte mich unfehlbar zum Lachen. In der Schule spielten wir ihn nach: Polizeikontrolle, Autos anhalten, Worte rausrattern wie ein Maschinengewehr, dabei unablässig herumfuchteln, das Gesicht verziehen und sein Markenzeichen intonieren, dieses aufgebrachte Empörungsstöhnen: Ôohrng!

Mit meiner Begeisterung war ich nicht allein. In Frankreich ist Louis noch immer der meistgesehene Kinostar aller Zeiten, Gérard Depardieu folgt erst mit weitem Abstand. Auch wenn nicht alle seiner 140 Filme heute noch rasend komisch wirken, Brust oder Keule und Der Querkopf werden bleiben. Und Die Abenteuer des Rabbi Jacob. Und natürlich seine Gendarmenfilme!

In diesem Sommer feiert Frankreich de Funès – sogar ein Doppeljubiläum steht an: Am 31. Juli wäre der weltberühmte Filmkomiker zum Zentenar geworden, und vor genau fünfzig Jahren kam Der Gendarm von Saint-Tropez in die Kinos, der erste von sechs Gendarmenstreifen. Mit ihnen hat Louis den kleinen Fischerort zum berühmtesten der ganzen Côte d’Azur gemacht. Wird Saint-Tropez ihn dafür besonders hochleben lassen? Wie passt das heute noch zusammen – de Funès und Saint-Tropez?

Am Flughafen von Nizza steige ich in den Mietwagen und düse los zum Einsatz. In den äußersten und prominentesten Zipfel der Provence. Ich will die Originalschauplätze verhaften und herausfinden, ob Saint-Tropez noch Aussagen zu Person und Sache machen kann.

Vorbei an Cannes und Fréjus, verlasse ich die Autobahn und entere die Hochebene des Maurenmassivs mit ihren Mimosenbäumen, den Korkeichen- und Kastanienwäldern, die so aromatisch duften, dass man am liebsten mit offenem Mund fährt. Hinter dem kleinen Dörfchen Ramatuelle weitet sich der Blick, in der Ferne kann ich schon das Kirchtürmchen von Saint-Tropez ausmachen, bis zur Küste prägen Rebhänge das Bild. Rosé, so weit das Auge reicht, Treibstoff und Löschmittel des provenzalischen Sommers. Etliche Kurven, Ecken und Kreuzungen meine ich wiederzuerkennen – aber die kleinen, staubigen Landsträßchen, über die Louis als Gendarm Cruchot Halunken und Strauchdiebe jagte, über die ihn Schwester Clotilde mit ihrer Kamikaze-Ente chauffierte, sind heute allesamt ordentlich asphaltiert. Nur das Licht koloriert die Landschaft noch immer so goldbraun und grün, wie ich sie aus den Filmen kenne.

Saint-Tropez © JEAN CHRISTOPHE MAGNENET/AFP/Getty Images

Vor mir erstreckt sich der kilometerlange Sandstrand von Pampelonne, der Hausstrand von Saint-Tropez, wo Reviervorsteher Cruchot mit seinen Mannen auf der Lauer lag. Der Gendarm von Saint-Tropez war für Louis die Rolle seines Lebens, alle späteren waren eigentlich nur Varianten davon. Der Choleriker Cruchot tobt grantelnd durchs beschauliche Saint-Tropez, beseelt von seiner Mission: Nacktbader hinter Gitter bringen, Recht und Ordnung um jeden Preis. Um sich dann glanzvoll im Chaos zu verheddern, das erst durch ihn entsteht.

Ich parke den Wagen und gehe zum Strand, der an diesem Abschnitt Plage Tahiti heißt. Da stehen noch die hohen Bäume, in denen im Film der Kundschafter mit Fernglas sitzt. Kein Spanner, im Gegenteil: Er soll die Damen und Herren Nackedeis vor einer bevorstehenden Razzia warnen. Heute würde der Mann im Ausguck seinen Augen nicht trauen: Auf dem Wasser schwappen feist die Hochseejachten der Hautevolee, der endlose weiße Sandstreifen ist schwarz von Menschen. Und fast alle sind bekleidet.

Wenn auch nicht so lässig elegant wie Patrice de Colmont, der Patron des Club 55, des ältesten Strandlokals von Pampelonne. Die einfache, weiße Leinenkluft unterscheidet ihn deutlich vom edelprolligen Strandschick seiner Gäste, die augenscheinlich alles dafür tun, von ihm begrüßt zu werden. "In den sechziger Jahren war Saint-Tropez die freizügigste Stadt Frankreichs", sagt er. "Heute sind die Frauen wieder angezogen, manchmal sogar in den Nacktbadebereichen." Die Polizei kümmere das natürlich schon lange nicht mehr. Die zeige sich am Strand nur noch, wenn etwas gestohlen werde, meint der Patron und scannt sein Strandlokal. Für einen berüchtigten Promi-hangout ist es überraschend simpel eingerichtet: Weiße Tische und Stühle stehen im Sand, darüber ein paar Sonnensegel, weiter hinten eine größere Bude mit festem Dach. Alles fing damit an, dass seine Mutter im Jahr 1955 hier am Strand eine Filmcrew bekochte. Ein junger Regisseur namens Roger Vadim drapierte eine noch unbekannte Blondine mit Schmollmund derart verführerisch im Sand, dass sein Film zum Skandal geriet: Und immer lockt das Weib machte Brigitte Bardot berühmt und Saint-Tropez zum Sehnsuchtsort.

"Es kamen immer mehr Nacktbader", sagt Colmont mit leiser Stimme und zuckt kurz zusammen, als sich ein russischer Familienvater mit Schulterschlag von ihm verabschiedet. "Anfangs hat das keinen interessiert. Dann beschwerten sich die Saubermänner, die Polizei musste etwas tun. Attentat à la poudeur, der Angriff auf die Scham, war ja eine Straftat, genauso wie Exhibitionismus. Ironischerweise kamen die Massen aber erst mit dem Erfolg der Gendarmenfilme, dann war die Liberalisierung nicht mehr aufzuhalten."

Ich verabschiede mich ohne Schulterschlag und fahre endlich ins Städtchen. Zweifel kommen auf: Das Saint-Tropez von heute – hat das überhaupt noch irgendwas zu tun mit der beschaulichen Kulisse meiner Jugend? Erstaunlicherweise ist es noch kleiner, als ich es mir vorgestellt habe. Und viel voller. Natürlich ist der Hafen noch da, in dem zum Finale jedes Gendarmenfilms eine Parade stattfindet. Doch statt schöner Holzjachten liegen hier nur schwimmende Hightech-Burgen vertäut, höher als die alten Häuschen der Hafenfassade. Die Decks der Hecks dienen als Bühnen für Selbstdarsteller; das Publikum an der Promenade lässt sich bereitwillig einbeziehen. Den ganzen Tag läuft das Freilufttheater, gegeben wird das Stück "Winner & Loser": Die einen schwenken ihre Champagnergläser, die anderen öffnen die Münder. Ob ein Gendarm Cruchot eine derart dürftige Darbietung geduldet hätte? "Weitergehn, weitergehn, es gibt nichts zu sehn!", hätte er da doch gerufen.