Wenn Manuela morgens die grün-weiße Markise ihres Blumenladens in der Carretera Militar hervorkurbelt, hat sie bereits Burgerkartons und Servietten aus den Rosen ihres Vorgartens gepflückt und die eingetrocknete Kotze der vergangenen Nacht vom Hauseingang in den Rinnstein gespült. Seit über sechzig Jahren wohnt die Floristin in El Arenal, dem Partyzentrum von Palma de Mallorca. Hinter ihrem Geschäft drängen sich die Touristen in den Zwei-Sterne-Hotels mit Cocktails am Pool, vor ihrem Laden erstreckt sich die Promenade mit den Strandlokalen. Neulich haben sie ihr wieder auf dem Nachhauseweg vom Bierkönig in den Briefkasten gepisst. "Warum machen die das?", fragt sie und blickt durch ihr Schaufenster auf ein Grüppchen Jugendlicher, deren Anführer eine Bassbox auf Rollen hinter sich herzieht. Auf seinem Muscle-Shirt steht: "You only live once".

Wer an der Playa de Palma Urlaub macht, betritt die Insel in einer möglichst großen Gruppe mit bedruckten T-Shirts und verlässt sie mit Sonnenbrand, Schlafdefizit und Speicherkarten voller Saufbilder. Voraussetzung für den Spaß ist der Pegel. Dazu zwitschert man morgens auf dem Weg zum Strand das erste Bier, und von da an geht die Stimmung steil bergauf. Zum Leidwesen vieler, die hier wohnen. Um der Lage Herr zu werden, hat der Stadtrat von Palma de Mallorca einen Vorschriftenkatalog "für das bürgerliche Zusammenleben" erlassen. Seit Juni dieses Jahres regeln die 113 Verbote der Ordenanza Cívica, was andernorts der gesunde Menschenverstand übernimmt.

Untersagt sind etwa das Urinieren in der Öffentlichkeit und Massenschlägereien. Aber auch, wer vom Balkon in den Pool springt oder auf dem Gehweg Rad fährt, kann Ärger bekommen. Selbst das Trinken von Alkohol in der Öffentlichkeit ist verboten, wenn sich andere davon gestört fühlen. Jedes Vergehen hat seinen Preis: Musik am Strand oder Bikini in der Stadt 50 Euro, Saufgelage oder Anbandeln mit Prostituierten 200 Euro, Angebote zum Hütchenspielen 400 Euro. Wer sofort und bar bezahlt, bekommt 50 Prozent Rabatt, wer frech wird, einen Aufschlag.

Die Verbote gelten nur für das Gemeindegebiet der Inselhauptstadt, nicht aber für jenen Strandabschnitt im Südosten, der schon zum Ort Llucmajor gehört. Die Partymeute, war kürzlich zu lesen, ziehe daher in die Nachbargemeinde, um dort straffrei zechen zu können. An Palmas Strandpromenade, an der sich bislang jährlich 600.000 Urlauber drängten, sieht es heute Mittag nicht leerer aus als sonst. "Feiern kann man nicht verbieten", sagt Uli aus Tauberbischofsheim. Er sitzt am Strand vor dem Balneario 6, dem Ballermann. Seine Stimme ist noch rau von gestern Nacht. Er war mit seinen Kollegen unterwegs. Die Texte von Mallorca-Schlagern kann man sofort mitgrölen, und auch noch sturzbetrunken. Wer bis zum zehnten Bier singt, kriegt aber am nächsten Tag die Quittung dafür. "Ballermann ist Ausnahmezustand", sagt Uli. Im Alltag reiße er sich ständig zusammen, mache sich für die Firma krumm, zahle seine Steuern – da werde er doch wohl einmal im Jahr ein bisschen Spaß haben dürfen, zusammen mit den Jungs. Einen draufmachen mit Hits von Jürgen Drews und Mickie Krause, Zigeunerschnitzel und Mettbrötchen im Deutschen Eck und jeder Menge Sonne.

Von den neuen Regeln hat er gestern erfahren, als ihm zwei Polizisten die Bierflaschen am Strand wegnahmen und dafür auch noch Geld verlangten. Uli kooperierte und zog 25 Euro aus seiner DFB-Bauchtasche. Heute trinkt neben ihm eine Männergruppe Pils, aus ihrer Anlage dröhnt Schlagermusik. Weit herumgesprochen hat sich die Kunde von den Benimmvorschriften noch nicht.

Eigentlich sollten die Hoteliers ihre Gäste über die neuen Sitten aufklären. Doch fragt man im Hotel Aya an der Strandpromenade nach Informationen, wird man an die Polizei verwiesen – und die verweist auf ein unscheinbares Plakat an einer Bushaltestelle in einer fernen Seitenstraße. Es erklärt in vier Sprachen und mit ein paar Bildern die wichtigsten Regeln. Der deutsche Titel des Aushangs lautet: "Nebeneinander koexistieren bedeutet respekt". Das trifft nicht ganz den Ton seiner Adressaten. Und so haben die meisten Urlauber weder Kenntnis von der neuen Gesetzeslage noch Pläne, gen Llucmajor abzuwandern.

Jockel, der am Ballermann den Saisonabschluss seines Köpenicker Fußballclubs feiert, leert seine Bierflasche und öffnet die nächste. Wenn er mit Frau und Kindern Urlaub macht, fährt er an die Ostküste Mallorcas, weit weg vom Ballermann. Dann heißt er Jörg und nicht Jockel und trinkt zum Frühstück Orangensaft statt Bier. "Aber was du am Ballermann erlebst, kannst du bloß steif ertragen." Die neuen Regeln sind ihm egal, sagt er: "Wenn ein Polizist kommt, werde ich dem schon erklären, dass ich ein guter Deutscher bin, der seinen Müll aufräumt." Scherben am Strand, die gebe es mit ihm nicht. "Wichtig ist, dass der Spaß harmlos bleibt." Klar, räumt Jockel ein, manchmal schlügen Einzelne über die Stränge, wie am Wochenende, als Dresdner Hooligans andere Urlauber mit Stöcken und Steinen über die Schinkenstraße gejagt hätten. "Aber eigentlich ist alles easy hier."