Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles vor wenigen Wochen während einer Debatte über die Rentenreform im Bundestag © Clemens Bilan/AFP/Getty Images

Die Lebenserwartung der Deutschen erhöht sich jährlich um rund drei Monate. Das ist schön für alle, die einen längeren Lebensabend genießen können. Für die jüngeren Jahrgänge wird diese freudige Erwartung allerdings durch große Unsicherheit getrübt. Sie wissen nicht, was sie nach 2040 noch vom Staat erwarten können. Denn der Generationenvertrag gilt für sie immer weniger. Und selbst diejenigen, die privat vorsorgen, können ihre materielle Absicherung bei ihrem Renteneintritt in 25 oder 30 Jahren nicht absehen.

Die durchschnittliche Rentenlaufzeit hat sich seit 1960 von unter zehn auf heute gut 19 Jahre fast verdoppelt. Allein durch die längere Rentenbezugsdauer haben die finanziellen Belastungen der Rentenversicherung um rund 90 Prozent zugelegt. Die aktuelle Rentenpolitik der Bundesregierung blendet diese Entwicklung völlig aus.

Dabei schien mit den Reformern Walter Riester und Franz Müntefering endlich die Wende hin zu einer langfristigen Ausrichtung der Altersvorsorge gekommen zu sein. Nun haben SPD und Union ihre Rentenversprechen – Rente mit 63 und Mütterrente – beschlossen. 60 Prozent der Kosten tragen die Beitragszahler, 25 Prozent aktuelle Rentner und 15 Prozent die Steuerzahler. Die Entlastung durch die von Müntefering einst durchgesetzte Rente mit 67 geht so fast vollständig verloren. Laut der Stiftung Marktwirtschaft steigen die Verbindlichkeiten durch das Rentenpaket in Summe um 443 Milliarden Euro an. Eine hohe in die Zukunft verlagerte Last für die jüngeren geburtenschwächeren Jahrgänge.

Die große Sorge ist, welche Absicherung die nächsten Generationen im Alter haben werden. Ihr Rentenniveau wird einmal auf 44 Prozent – bei weiter deutlich steigenden Beitragssätzen für die gesetzliche Rentenversicherung – absinken. Der vom Wirtschaftsflügel der Union in das Rentenpaket hineinverhandelte Einstieg in die Flexi-Rente bietet mittel- und langfristig nicht nur die Chance, den wachsenden Fachkräftemangel zu lindern. Ältere Menschen, die ja heute auch wesentlich fitter in die Rente gehen, können so die sinkenden Rentenansprüche ausgleichen. Doch dafür muss auch der Anreiz durch die Politik gesetzt werden und die bisher bei einer Weiterbeschäftigung durch die Arbeitgeber gezahlten Beiträge zur Renten- und Arbeitslosenversicherung an die arbeitenden Rentner ausgezahlt werden.

Spätestens in der nächsten Legislaturperiode muss die Rentenpolitik das Renteneintrittsalter dennoch dynamischer gestalten: Für jedes zusätzliche Lebensjahr, um das die Lebenserwartung steigt, muss der Renteneintritt um acht Monate erhöht werden. Nur so können die Lasten des demografischen Wandels generationengerecht verteilt werden.

Eine Unwägbarkeit bleibt: Allen Appellen zum Trotz steigt die private Absicherung zu langsam. Rund 15 Millionen Riester-Verträge und 1,5 Millionen Rürup-Basisrenten stehen 42 Millionen Beschäftigen gegenüber. Zwar gibt es zudem mehr als 38 Millionen verrentete Lebensversicherungsverträge und 17 Millionen Betriebsrentenanwartschaften. Aber es ist ungewiss, ob sie das Delta zwischen dem heutigen Rentenniveau von 48 Prozent und dem zukünftigen von 44 Prozent bei den Empfängern wirklich schließen können. Die Rentenpolitiker fahren hier ebenso auf Sicht wie die meisten Versicherungsnehmer, die nicht abschätzen können, was sie später einmal herausbekommen.

Deshalb braucht es mehr Transparenz: ein Informationssystem, das gesetzliche, private und betriebliche Altersvorsorgeansprüche zusammenfasst. Solche Modelle funktionieren in Skandinavien gut und haben das Problembewusstsein der Bevölkerung wie der Politik dauerhaft verändert. Der Generationenvertrag kann nur Bestand haben, wenn Junge wie Alte sich gerecht behandelt fühlen. Ein transparentes Renten-Informationssystem führt jedem klar vor Augen, womit er im Alter rechnen kann und wie lange er für einen auskömmlichen Lebensabend arbeiten muss.