Er sieht niedlich aus, wie er da in der Garageneinfahrt steht: ein Eimerrumpf mit blauen Styroporbeinen, die in quietschgelben Gummistiefeln stecken. Unter seinem Mülltonnendeckelhut flimmern kleine Herzchen über seine LED-Anzeige, während sein ausgestreckter Arm mit dem Gärtnerhandschuh freundlich winkt. Der Roboter Hitchbot wirkt schutzbedürftig und verletzlich, ein Verwandter des piepsenden, blinkenden R2D2 aus Krieg der Sterne, der schon bei Generationen von Kinogängern Mutterinstinkte geweckt hat. Keine Frage: Wer ihn an einer endlosen Landstraße irgendwo in den Weiten Kanadas stehen sieht, würde den kleinen Kerl sofort mitnehmen. Und das ist ja schließlich der Sinn der Sache.

Hitchbots Schöpfer, die Kommunikationswissenschaftler Frauke Zeller und David Smith, leben im Haus neben der Garageneinfahrt in Port Credit, einem südlichen Vorort von Toronto. Mit ihrem kleinen Roboter haben sie Großes vor: Ganz alleine soll er einmal quer durch Kanada trampen, von Halifax in Neuschottland bis hinüber nach Vancouver Island. Die Forscher versprechen sich von diesem Experiment Erkenntnisse über das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. "Was uns mehr als alles andere interessiert, ist, wie Menschen unterwegs auf den Bot reagieren", erklärt David. Über die sozialen Netzwerke soll Hitchbot von unterwegs kommunizieren, Fotos seiner Abenteuer bei Facebook posten, Geschichten seiner Reisebekanntschaften twittern und am Ende möglichst wohlbehalten die kanadische Westküste erreichen.

Heute ist der Tag gekommen, an dem sich die Wissenschaftler von ihrem Schützling trennen müssen. Am frühen Morgen vor seiner Abreise ist Hitchbot noch ein wenig grantig. Witze auf seine Kosten mag er sich jedenfalls nicht gefallen lassen. Wohin er fahre, hatte der Roboter David mit seiner blechernen Stimme gefragt – so, wie er es eben gelernt hat, die Frage ist Hitchbots programmierter Gesprächs-Opener. "Ich fahre nach Victoria", hatte David geantwortet und dabei betont seine Aussprache moduliert. Victoria, im äußersten Westen Kanadas, ist allerdings auch das Ziel des Androiden, an dem er anzukommen hofft, irgendwann im Laufe der nächsten drei bis vier Wochen. Dass David dasselbe Ziel nennt, empfindet Hitchbot als Verarschung. "Ich durchschaue deine Scharade", sagt er pikiert, und seine LED-Anzeige blinkt missbilligend.

Als Demonstration muss dieses Geplänkel erst einmal reichen. David klappt Hitchbots Standbein ein und schnallt den Leichtbauroboter, der keine fünf Kilo auf die Waage bringt, auf dem Rücksitz seines Saabs fest. Die Reise nach Halifax ist sowohl ein Transfer als auch eine Art Testfahrt. Nachdem er es sich bequem gemacht hat, bittet Hitchbot höflich darum, per Zigarettenanzünder an die Autobatterie angeschlossen zu werden. Das ist normal und soll so sein. Bemerkenswert ist dagegen sein anschließendes Schweigen. Seit David den Zündschlüssel umgedreht hat, ist aus dem Bot kein Ton mehr herauszubekommen. Selbst den drängendsten Fragen – Wer bist du? Wohin willst du? Wo sind wir? – verweigert er sich. Nur sein Anhalterdaumen hebt und senkt sich unermüdlich unter dem Surren der Armhydraulik. Womöglich träumt er davon, schon am Straßenrand zu stehen.

David Smith macht das keine Sorge. Er glaubt an seinen Roboter. "Wir haben eine Sperre eingebaut, die sein System herunterfährt, wenn er zu viele Daten zu bearbeiten hat", sagt er. "Er wird jetzt etwa 20 Minuten schlafen, dann kommt er wieder." Beim Menschen sei das schließlich auch nicht anders: Bei Input-Overload entzieht er sich und macht ein Nickerchen.

Der Wissenschaftler nutzt den Vormittagsschlaf seines Zöglings für ein paar Erläuterungen. Schon seit einiger Zeit beschäftigen sich Smith und Zeller mit dem, was man soft artificial intelligence nennt, "einer Auffassung von künstlicher Intelligenz, die diese vor allem im Kontext bestehender Systeme verortet". Im Falle von Hitchbot sind das Kanadas Autobahnen und Landstraßen, die weitgehend bekannte Konvention des Trampens sowie das Internet, GPS und Mobilfunknetze. Es geht den Wissenschaftlern auch um die Frage, wer wen mehr beunruhigt: der Roboter den Menschen oder der Mensch den Roboter?