Über den Platz der Deutschen Einheit in Offenbach am Main verläuft eine Grenze. Eine Polizeiabsperrung teilt ihn an diesem Samstagnachmittag Ende Juni in zwei Hälften, von der Caritas auf der einen Seite hinüber zu einem Erotikshop auf der anderen Seite. Der Salafistenprediger Pierre Vogel hat sich angekündigt für eine seiner Open-Air-Veranstaltungen, mit denen er durch deutsche Städte tingelt. Das Motto in Offenbach: "Scharia – barbarisch oder perfekt?" Das zieht 200 Anhänger an, 400 Gegendemonstranten und einige Dutzend Journalisten.

Ein Lastwagen ist zur Bühne umgebaut. Pierre Vogel verspätet sich, sein Glaubensbruder, der Konvertit Abu Adam, bürgerlich Sven Lau, macht den Vorredner. Er wurde erst vor wenigen Wochen aus der Untersuchungshaft entlassen. Er war angeklagt, dschihadistische Gruppen in Syrien zu unterstützen, das Verfahren wurde eingestellt, die Anhaltspunkte waren zu vage. Lau predigt, es sei doch aufrichtiger, offiziell mit vier Frauen verheiratet zu sein, als heimlich fremdzugehen. Er ruft ins Mikro: "Bete, und deine Probleme werden gelöst, das Gebet hält vom Kiffen ab, das Gebet hält vom Nichttragen des Kopftuchs ab."

Beifälliges Nicken unter den Anhängern. Überraschend viele Frauen sind dabei, sie stehen links vor der Bühne, nahe bei den Lautsprecherboxen, alle mit Kopftuch, viele verschleiert vom Scheitel bis zur Sohle, nur ein Schlitz für die Augen ist frei, sie tragen Taschen mit dem Aufdruck "Islam.ist.in". In der Mitte und rechts die Männer, viele in Sportkleidung, die meisten mit Bart, einige Konvertiten wandeln in arabischen Kutten.

Die Salafisten sind fundamentalistische Muslime, die einen Gottesstaat anstreben, sie stellen die Scharia, das islamische Rechtssystem, über das Grundgesetz. Als Regelwerk für alle Fragen des menschlichen Zusammenlebens lassen sie allein den Wortlaut des Korans und die Überlieferungen des Propheten Mohammed gelten. Wer sich daran halte, werde mit dem Paradies belohnt, auf alle anderen warte die Hölle. Von den fast fünf Millionen Muslimen in Deutschland rechnet der Verfassungsschutz etwa 6.000 zur salafistischen Szene. Die lässt sich in mehrere Gruppen einteilen, in eine puristische, der es nur um ein gottgefälliges Leben geht, eine politische, die durch Missionierung einen islamischen Staat anstrebt, aber Gewalt ablehnt, das ist die größte Gruppe. Und dann gibt es noch den gewalt- und terrorbereiten dschihadistischen Zweig. Wer sich zum Salafismus bekennt, ist noch lange kein radikaler Extremist, der nach Syrien in den Dschihad ziehen will. Aber alle, die dorthin gegangen sind, hatten vorher Kontakt zu salafistischen Gruppen.

Seit einigen Monaten sind die Salafisten nicht mehr nur Thema für den Verfassungsschutz, sondern auch für Lehrer, Sozialarbeiter und Eltern. Denn die Scharia-Verfechter rekrutieren im Umfeld von Schulen und Jugendhäusern. In Hamburg, in Berlin, in Nordrhein-Westfalen, vor allem aber in Frankfurt. Sie verteilen Flugblätter, bauen Aktionsstände auf und geben kostenlos Koranexemplare aus. Manche werben dabei unverhohlen für den Dschihad in Syrien. Und einige haben damit offenbar auch Erfolg. Experten schätzen, dass bisher 500 junge Männer aus Deutschland nach Syrien in den Bürgerkrieg gezogen sind, 100 sind zurückgekehrt, 25 umgekommen. Darunter waren auch Schüler.

Ein junger Mann Anfang 20 geht auf dem Platz der Deutschen Einheit in Offenbach mit einem grauen Plastikeimer herum. Spenden einsammeln, wofür, weiß er gar nicht so genau, irgendeine Hilfsorganisation. Warum ist er hier? Er erzählt, dass er gerade eine Ausbildung zum Mechatroniker macht, bald wird er damit fertig, danach würde er gerne so etwas wie Islamwissenschaften studieren. Seine Eltern sind nicht religiös, sein Vater ist Türke, die Mutter Serbin, Religion ist ihnen nicht wichtig. War es ihm auch nicht. Aber irgendwann spürte er eine Leere in sich, die er füllen musste. Der Islam war das richtige Füllmaterial.

Warum geht er nicht einfach in die Moschee, warum zieht es ihn zu den Salafisten um Pierre Vogel, der nun die Bühne betritt? Was die Imame in der Moschee predigen, verstehe er nicht, sagt der Spendensammler. Selbst wenn sie Deutsch redeten, es gehe an seinem Leben vorbei.

Ein Mann in schwarzem T-Shirt gesellt sich dazu. Er gibt sich sichtlich Mühe mit seinem Bart. "Hast du gesehen, wie der Fernsehjournalist gerade gefragt hat, was wir von der Scharia halten? Er hat dabei mit der rechten Hand aufs linke Handgelenk gehackt. Die haben echt keine Ahnung, die Medien." Er schüttelt den Kopf. "Das wird doch nicht am Handgelenk gemacht, sondern hier", er zieht eine Linie auf der Handfläche, hinter den Fingern.

Was treibt Jugendliche aus Deutschland in die Arme der Salafisten? Lässt sich etwas dagegen tun? Wie können Eltern und Lehrer verhindern, dass ihre Kinder und Schüler sich radikalisieren?

Claudia Dantschke gehört zu den führenden Experten für Extremismus in Deutschland, seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit salafistischen Strömungen. In Berlin leitet die studierte Arabistin die Beratungsstelle Hayat, eine Einrichtung für Eltern, deren Kinder auf islamistische Abwege geraten sind. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge fördert bundesweit insgesamt vier solcher Beratungsstellen.

Es ist nicht einfach, in diesen Wochen einen Termin bei Claudia Dantschke zu bekommen, ihre Einrichtung hat so viele Beratungsfälle, 63 sind es derzeit allein in Berlin, in zwölf Fällen ist eine Abreise nach Syrien zu befürchten. Pro Woche kommen gerade vier bis fünf Anfragen von besorgten Eltern dazu, die meisten davon aus gutem Grund.