Wie eine Mischung aus Birgit Minichmeyer und der jungen Susanne Lothar betritt sie die Hotelhalle, ihre Bühne. Schmale Hüften, eine lose Haarsträhne quer im Gesicht: Wer ist diese Person, von der man annehmen möchte, dass sie sich im nächsten Augenblick die Stubnmadl-Kluft vom Leib reißt und schreit und kreischt und revoltiert? Hat sie in diesem noblen Jugendstil-Ambiente (Bühne Rolf Glittenberg) ernsthaft etwas verloren? Spielt sie mit bei den Elviras, Annas und Zerlinas, jenen Frauen, die sich gegen den Mann der Männer verschworen haben, Don Giovanni, der jede einzelne von ihnen auf dem Gewissen hat?

Die Antwort ist simpel und sagt beinahe alles über diese 15. Neuinszenierung von Mozarts Don Giovanni bei den Salzburger Festspielen seit deren Gründung 1920. Die Person ist – niemand. Eine Komparsin. Ohne Namen, Gesicht und Stimme. Sie soll lediglich die Nächste sein in Don Giovannis Register der Verführten, Geschändeten und Entehrten. Und so lässt Regisseur Sven-Eric Bechtolf den zur Hölle gefahrenen Dauerlüstling im Finale einfach wieder auf(er)stehen, als gäbe es nichts Unverzichtbareres in Mozarts Œuvre als das Lustprinzip, das über Leichen geht. Keine Rache, keine Revolution, keine bürgerliche Aufklärung steht dagegen, nichts Politisches. Dass die einen den anderen an die Wäsche wollen, Männer den Frauen, Privilegierte den Nichtprivilegierten, scheint der Menschheit, tz tz tz, nun einmal nicht auszutreiben zu sein. Mit fliegenden Rockschößen fegt Don Giovanni am Ende der lasziven Haarsträhne hinterher, und würde man sich nicht schämen für solche Assoziationen, es kämen einem glatt Dominique Strauss-Kahn & Co. in den Sinn.

Mit dieser Lesart fällt Bechtolf Lichtjahre hinter die Rezeptionsgeschichte zurück (abgesehen davon, dass eine Don Giovanni -Inszenierung, deren schillerndste Figur eine Statistin ist, ein Problem haben dürfte). Warum eigentlich nach Salzburg fahren, fragt man sich, wenn aktuell in Frankfurt oder in Hannover der viel gedankenvollere und radikalere Mozart geboten wird, das viel schwärzere dramma giocoso? Wegen der Tradition vielleicht oder den Erinnerungen zuliebe, zuletzt an Claus Guths psycho-pathologisch verrätseltes Waldesrauschen, aber auch an Martin Kušej 2002 (die Aufführung machte Anna Netrebko berühmt) oder, ganz toll, an Patrice Chéreau 1995? Die Exklusivität in Sachen Mozart haben die Salzburger Festspiele mindestens so stark eingebüßt wie die Bayreuther Festspiele ihre in Sachen Wagner, daran ändern auch musikalische Höchstleistungen wenig.

Sängerisch ist dieser Don Giovanni exquisit besetzt. Ildebrando D’Arcangelo in der Titelpartie gibt mit Basalt im Bariton-Timbre und Pomade im Haar ganz den Latin Lover, Luca Pisaroni ist sein Leporello, ein echter Slapstick-Virtuose, und unter den Frauen ragt Anett Fritsch als Donna Elvira hervor, die ihrer herrlichen Arie im zweiten Akt (Mi tradì quell’ alma ingrata) das Feuer, die Seele und das Leben auch eines noch jungen Soprans leiht. Christoph Eschenbach am Pult der Wiener Philharmoniker waltet durchaus empfindsam seines Amtes, neigt allerdings zum breiten Pinselstrich, in den Tempi wie klanglich, was dem Abend einen recht behäbigen, düsteren Anstrich gibt. Da fehlt der Champagner, der bei Mozart noch über jedem Höllenpfuhl perlt.

Die ganze schöne Musik freilich kann die Schwarz-Weiß-Malerei der Regie nicht kompensieren, ihre Blindheit vor jeglicher Ambivalenz, die so weit geht, dass das Böse sich Hörner und Teufelsfratzen aufsetzt, um erkannt zu werden. Man staunt und langweilt sich und ertappt sich bei der Frage, warum die Menschen, wenn sich denn alles so hübsch eindimensional verhält, auf der Bühne überhaupt singen.

Dieselbe Frage lässt sich an die zweite Festspielpremiere richten, die Uraufführung der Oper Charlotte Salomon des französischen Komponisten und Spektralisten Marc-André Dalbavie. Doch Vorsicht: Diese Produktion ist, was Kritik betrifft, doppelt imprägniert. Zum einen handelt es sich um ein Auftragswerk für Salzburg, um etwas Neues also, was dem Lamento über den Modergeruch des ewig Festspielgleichen per se widerspricht. Und zum anderen muss man sich bei dem Sujet, einer Geschichte vom Vorabend des Holocausts, erst einer gewissen Beißhemmung entledigen.

Vertont hat Dalbavie (der in der Felsenreitschule selbst am Pult des Mozarteumorchesters steht) das kurze heftige Leben der Berliner Künstlerin Charlotte Salomon, und zwar auf der Grundlage ihrer malerisch-zeichnerischen Autobiografie, die sich Leben? oder Theater? nennt und von der Schriftstellerin Barbara Honigmann zum Libretto umgearbeitet wurde.

1917 als Jüdin in Berlin geboren, wächst Charlotte in großbürgerlichen Verhältnissen auf, ihre Stiefmutter ist die berühmte Sängerin Paula Lindberg, man reist, liebt Musik, Malerei, Literatur. Eine unglückliche Liebesaffäre und die Einsicht, einer Familie von Selbstmördern zu entstammen, bringt Charlotte dazu, sich ihres Daseins künstlerisch zu vergewissern, in knapp 800 expressionistisch gehaltenen, witzig-ironisch kommentierten und die eigene Persönlichkeit immer wieder aufspaltenden Gouachen, ihrer Autobiografie. 1939 emigriert sie nach Südfrankreich, 1943 wird sie, hochschwanger, in Auschwitz ermordet.

Ein genuiner Opernstoff? Was die Dramatik der Ereignisse angeht und ihren Umschlag in Kunst: möglicherweise, ja. Nur hätte es einen anderen musikalischen Zugriff gebraucht, einen, der nicht spektralistisch-obertönig lispelt und illustriert und in Zitaten wildert (von Bach bis Bizet), sondern Salomons Bilder genauso beherzt als Material begreift, wie diese einst ihre Realität als Material begriffen haben. Genau das aber tut Dalbavie nicht, und so bleibt es zweieinviertel pausenlose Stunden lang bei einer artigen, hundertprozentig humorfreien Kolportage irgendwo zwischen spätem Impressionismus, Puccini und Gérard Grisey. Gesungen wird nervtötend deklamatorisch, halb deutsch, halb französisch, die Rolle der Charlotte teilen sich die Sängerin Marianne Crebassa und die Schauspielerin Johanna Wokalek, und in Johannes Schütz’ setzkastenartigem Breitwandbühnenbild, über das in Projektionen immer wieder Salomons Gouachen wandern, wird Luc Bondy seinem Ruf als Altmeister der Personenregie gerecht. Großer, erleichterter Jubel.