Es ist tröstlich, dass auf das deutsche Verbandswesen auch im Krieg Verlass ist. In der Ukraine hatten vor zwei Wochen mutmaßlich prorussische Separatisten ein Flugzeug vom Himmel geschossen und 298 Menschen getötet, da sprach ein Repräsentant der deutschen Wirtschaft einen Satz von, nun ja, rührender Hilflosigkeit: "Wenn Putin diesen Weg weitergeht, dann ist es nicht der Weg der deutschen Wirtschaft." Na, Gott sei Dank!

Nun muss die deutsche Wirtschaft einen Weg mitgehen, vor dem sie viele Wochen gewarnt hat. Am Dienstag haben die Botschafter der 28 EU-Staaten in Brüssel beschlossen, Russlands Zugang zu Europas Finanzmärkten sowie die Lieferung von Energietechnik und Rüstungsgütern zu beschränken. Das Ziel: Russland soll seine Unterstützung der Separatisten beenden.

Ökonomisch betrachtet, sind diese Sanktionen unsinnig. Sie werden Unternehmen und Arbeitnehmern sowohl in Russland als auch in Europa schaden. In Russland will schon jetzt kaum mehr jemand investieren, die Exporte deutscher Unternehmen dorthin brechen ein, die Wirtschaft wächst weniger. So treffen die Sanktionen, die den Konflikt um die Ukraine beenden sollen, auch gänzlich Unbeteiligte. Und vermutlich werden sie ihre wichtigsten Ziele nicht erreichen: Russlands Präsident Wladimir Putin wird die Annexion der Krim nicht rückgängig machen und wohl auch weiter die prorussischen Separatisten in der Ostukraine unterstützen.

Die Sanktionen verteuern den Konflikt also und sind nicht sonderlich effektiv. Und doch sind sie richtig. Es geht um einen Angriff auf einen souveränen Staat, den Europas Regierungen nicht hinnehmen können. Ökonomische Erwägungen müssen da zurückstehen.

Ausgerechnet der Krieg könnte das Friedensprojekt Europa beleben

Deutsche Konzernvorstände hatten das wochenlang nicht begriffen und gewarnt, Russland werde weniger Maschinen aus Deutschland kaufen, Gas und Öl würden teurer. Das wirkte wehleidig in einer Zeit, in der Ukrainer um ihr Leben bangen mussten und Litauen und Polen sogar Kampfflieger aus den USA ins Land holten. Der wirtschaftliche Preis ist für diese Länder zweitrangig. Zu schwer wiegt in den baltischen Staaten und in Osteuropa die Erinnerung an die sowjetische Herrschaft.

Russland hat im 20. Jahrhundert Monarchie, stalinistische Diktatur, Glasnost und den Weg in die Demokratie erlebt, und jede Ära hatte ihre eigene Ideologie. Die Ideologie, auf die Putin setzt, ist der Eurasismus: autoritär, antiamerikanisch, antieuropäisch und vor allem expansionistisch. Der Krieg mit Georgien im Jahr 2008 war so etwas wie ein Testlauf, es folgte die Destabilisierung der Ukraine, und niemand kann wissen, was als Nächstes geschehen mag. Wo Putin ein Machtvakuum findet, wird er es auszufüllen suchen, denn auch ein autoritärer Führer muss sich seiner Unterstützer versichern – und bei Putin stammen viele aus einem Milieu, das den Untergang der Sowjetunion als geopolitische Katastrophe begreift, die es rückgängig zu machen gilt.

Europa muss mit Sanktionen antworten, um Russland von weiterer Expansion abzuschrecken. Die Krim ist zwar wohl bis auf Weiteres verloren. Die Ukraine mag auf Jahre hinaus destabilisiert sein. Und es ist möglich, dass Russland zurückschlägt, weniger Gas und Öl liefert. Doch nichts zu tun ist keine Option. Sanktionen signalisieren Russland, dass der Westen willens ist, für die Unversehrtheit der Grenzen Europas auch finanzielle Opfer zu bringen. Und vielleicht gewinnen unter dem Druck der Sanktionen in Moskau auch die Kreise an Einfluss, die nicht noch mehr zahlen wollen für expansive Abenteuer. Der russischen Wirtschaft geht es ja heute schon nicht gut. Und die Integration der Krim ist teuer.