Russlands Präsident Wladimir Putin © Reuters

DIE ZEIT: Sie haben 174 Fälle von Wirtschaftssanktionen seit dem Ersten Weltkrieg untersucht. Wie wahrscheinlich ist es, dass die Sanktionen Europas und der USA Russlands Unterstützung der russischen Separatisten in der Ukraine stoppen?

Gary Clyde Hufbauer: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die beschlossenen Sanktionen Putins Kurs ändern werden. Die Sanktionen sind nicht ausreichend. Russland ist ein sehr großes und mächtiges Land. Wir wissen aus unserer Forschung, dass Sanktionen dann oft nicht funktionieren. Besonders bei autokratischen Regimes nicht.

ZEIT: Also sind Sanktionen gegen Russland grundsätzlich zum Scheitern verurteilt?

Hufbauer: Nein. Das Problem ist nur, dass die Art und Weise, in der die Sanktionen umgesetzt sind, das Gegenteil dessen sind, was Erfolg versprechen würde. Um mit Sanktionen erfolgreich zu sein, muss man hart und schnell zuschlagen. Die EU und die USA tun das aber leicht und langsam. Länder, die kleiner und weniger mächtig sind als Russland, mag das zur Umkehr bringen. Doch bei Russland reicht das nicht aus. Ich verstehe ja, warum die EU und USA so agieren, wie sie es tun. In Koalitionen solche Fragen abzustimmen ist schwierig. Aber Listen von Personen und Unternehmen sind keine Formel für Erfolg.

ZEIT: Wie sehen harte Sanktionen denn aus?

Hufbauer: Da müssen Sie nur in den Iran schauen. Die Kreditinstitute des Landes sind abgeschnitten vom internationalen Netzwerk, über das Banken Transaktionen abwickeln. Es gibt ein Embargo gegen Öllieferungen, kaum Zugang zu Waffen und Finanzmitteln. So sehen wirklich harte Sanktionen aus.

ZEIT: Falls ein solches Vorgehen überhaupt möglich wäre, würde Russland sich das gefallen lassen?

Hufbauer: Es ist wahrscheinlich, dass es Vergeltungsaktionen geben würde. Es gab ja schon erste Berichte darüber, dass eine russische Behörde Produkte von McDonald’s verbieten will. Das ist aber nicht der übliche Fall. Die meisten Länder sind ja nicht in der Lage, sich auf diese Weise zu wehren. Wenn die USA Sanktionen gegen Panama oder Haiti verhängen, können die kaum auf US-Anlagen dort zugreifen, weil es eben kaum welche gibt.

ZEIT: Was ist mit den Zielen der Sanktionen gegen Russland? Sind die realistisch?

Hufbauer: Das sehe ich ambivalent. Im Zuge der ersten Sanktionen sagten führende Politiker der sanktionierenden Staaten: Russland solle die Krim wieder aufgeben. Das wird aber nicht passieren. Das zweite genannte Ziel ist zumindest erreichbar: Russland soll keine Waffen mehr an die Separatisten schicken. Wir könnten über Satelliten auch verfolgen, ob Russland sich daran hält. Das ist aber nicht das Gleiche wie von Russland zu fordern, dass die Separatisten aufgeben müssen. Es wäre schwierig für Russland, das zu bewerkstelligen.

ZEIT: Gibt es ein der heutigen Situation ähnliches historisches Beispiel, aus dem wir lernen können?

Hufbauer: Zur Zeit des Völkerbundes gab es eine Invasion Italiens in Äthiopien. Der Völkerbund hat leichte Sanktionen verhängt, die anderthalb Jahre später zusammenbrachen, und mit ihnen scheiterte auch der Völkerbund. Deutschland hat Mussolini damals keinen wirklich scharfen Sanktionen ausgesetzt. Die widerspenstigste Partei aber war Frankreich. Die wollten zwar bestrafen, aber nicht hart. Klingt vertraut, oder?

ZEIT: Ich fasse mal zusammen: Russland eignet sich kaum, um es mit Sanktionen zu bestrafen, die gewählten Maßnahmen sind zu schwach und ihre Ziele zu ambivalent. Also ist alles vergebens?

Hufbauer: Die Sanktionen treffen Russland stärker, als sie es formal tun müssten. Viele Firmen investieren nicht in Russland, weil sie nicht wissen, wie es dort weitergeht. Das schwächt die russische Wirtschaft. Die Position zur Krim vereinfacht das aber nicht: Die Obama-Regierung sagt, die Sanktionen werden so lange bleiben, bis Russland die Krim wieder aufgibt. Aber das wird nicht passieren. Damit muss man sich abfinden.

ZEIT: Gibt es dann überhaupt einen Weg, die Sanktionen irgendwann zu beenden?

Hufbauer: Ich denke, dass es sicher vier Jahre dauern wird, bis das mit den Sanktionen einhergehende Klima sich verändert. Dann wird es neue Regierungen in den USA und Europa geben. Regierungschefs, die Sanktionen beschlossen haben, fällt es nämlich oft schwerer, sie wieder abzuschwächen. US-Sanktionen haben sich zum Beispiel oftmals von Präsident zu Präsident verändert, etwa in Bezug auf Nordkorea oder Kuba. Es wird also noch eine Weile dauern. Nach den vier Jahren werden Firmen aber auch wieder zurück nach Russland gehen können.