Thomas Gottschalk ist noch nicht vorbeigekommen. Aber er hat fest versprochen, es bald zu tun. Dafür waren die Klitschkos und Beckenbauer schon da. "Der Franz", sagt Ralf Casagrande. Er hat sie alle fotografiert und die Fotos auf die Rückseite seiner Speisekarte gedruckt. Seine Freunde. Sein Geschäft. 38 Jahre lang betrieb Casagrande seinen Promi-Treff Café Wichtig im Ostseebad Timmendorfer Strand. Vor drei Jahren zog er nach Scharbeutz. Casagrande sagt: "Ein bisschen Glamour schadet nicht."

Schließlich war Scharbeutz lange vor allem für seine graue Betonpromenade, den Stacheldraht am Strand und piefige Pensionen bekannt. Heute dagegen hat Scharbeutz eine schicke Strandmeile, edle Boutiquen, exzellente Restaurants, ein Vier-Sterne-Hotel. Und steigende Gästezahlen. Endlich.

Es waren Menschen wie Casagrande, die Scharbeutz aus dem Dornröschenschlaf erweckt, ein bisschen Glanz, ein bisschen Sylt an die Ostseeküste gebracht haben, darin ist man sich hier einig. Nur nicht bei der Frage, was ein bisschen ist – und was ein bisschen zu viel. Wie viel Sylt verträgt ein Ferienort? Und wie viel braucht er?

In keinem Ort an der Lübecker Bucht wird so heftig über das Für und Wider von erneuern und bewahren gestritten. Schließlich wurde nirgends in der Gegend so viel für den Wandel getan: 30 Millionen Euro hat die Gemeinde seit 2002 in den Tourismus gesteckt. 50 Millionen kamen von privaten Investoren hinzu. Viel Geld für die hoch verschuldete Stadt. Geld, das viel verändert hat. So viel, dass der Bürgermeister inzwischen Tourismusstudenten an der Promenade entlangführt. Scharbeutz als Fallstudie.

Wenn Orte hip werden, die Preise steigen und die Alteingesessenen verdrängt werden, nennen Wissenschaftler das Gentrifizierung. Viele, die den Begriff benutzen, meinen damit: Die guten Alten werden von den bösen Neuen verdrängt. In einer solchen Geschichte wäre Töns Haltermann ein Bösewicht. Haltermann ist Juniorchef des Bayside-Hotels, mitten in Scharbeutz liegt es, direkt am Meer. 132 Zimmer, Wellness-Oase, Dachterrasse. 28 Millionen Euro hat seine Familie dafür ausgegeben. Seit Ostern läuft der Betrieb.

Eigentlich wollte Haltermann sein neues Vier-Sterne-Haus in Timmendorf bauen. Man hatte schon ein Grundstück ausgeguckt und erste Pläne gemacht. Doch mit der Politik lief es zäh. In Scharbeutz hingegen habe der Bürgermeister sich für das Hotel mächtig ins Zeug gelegt, sagt Haltermann. "Hätte uns vor zehn Jahren jemand gesagt, dass wir einmal in Scharbeutz ein Hotel bauen, hätten wir laut gelacht." Aber dann habe die Gemeinde gemerkt, was die Touristen wollten – ein Hotel wie das Bayside, mit gläsernem Außenaufzug, der die Gäste direkt vom Strand zur Champagnerbar fährt, und einem Restaurant mit schwarzem Besteck aus Italien, Weingläsern aus den USA und einem Sushimeister aus Nepal.