Scharbeutz, die Perle der Ostsee, ist mit dem Auto nicht einfach zu erreichen. Es wird von Wochenendausflüglern berichtet, die nach Stunden im Stau schon im Ort panisch den Lenker herumwarfen und zurück nach Hamburg jagten, um wenigstens dort einen Parkplatz zu kriegen.

Aber Scharbeutz hat auch einen Bahnhof. "Einen schönen", betont Bürgermeister Volker Owerien. Feine Ironie? Vor Ort fällt der Blick auf eine unkrautumwucherte Abfertigungsbaracke mit klobigen Telefonen und Möbeln aus den achtziger Jahren, die aussieht, als hätten die Bahnbeamten sie kurz vor Tschernobyl fluchtartig und für immer verlassen. Doch halt, das aktuelle Bahnhofsgebäude ist weiter vorn. Schwebendes Dach, nordischer Backstein. Davor kein Bus, kein Taxi, und im Schaufenster des Kiosks steht Melkfett für stark beanspruchte Gliedmaßen – ist es wirklich so entsetzlich weit zum Strand? Nein, im Kiosk residiert nur ein Putzmittelhandel.

Dennoch, die einzige Straße führt bergan, das Badegepäck drückt, und die Frage drängt: Wenn der Hintereingang des ambitionierten Scharbeutz schon dermaßen ernüchtert – warum holt man die mit dem Zug anreisenden Badegäste nicht wenigstens schnell hier raus? Warum gibt es keinen direkten Shuttle zum Strand? Nein, leider, sagt Bürgermeister Owerien, für die Stoßzeiten im Sommer eigens ein Pendelverkehr, das sei schwierig. Und die Distanz zum Meer könne man mühelos zu Fuß bewältigen, mit der Bahn kämen schließlich vor allem jüngere Leute. Wie alt der Autor eigentlich sei?

Für weitere Artikel zur Serie "Warum funktioniert das nicht?" klicken Sie auf das Bild ©dpa

Zum Glück noch nicht in dem Alter, in dem man mit Campingtisch und -stuhl zum Strand zieht. Der erste Teil des Marsches wirkt trotzdem doppelt ermüdend, weil er an funktionalen Apartment- und Gewerbebauten vorbeiführt. Doch wer selbst dann nicht umkehrt, wenn die B 76 in Sicht kommt und der Ort zu Ende scheint, wer die Zähne zusammenbeißt und die schwere Kühlbox am Straßenrand zurücklässt, der erlebt, dass die Rollladenläden den Modegeschäften Platz machen; dass die Dichte der mit älteren Ehepaaren besetzten Balkons zunimmt; dass immer mehr Frauen winzige, eigentlich überflüssige Hunde mit sich führen. Und dann, endlich, da ist sie: die schicke Strandpromenade mit Bars, Restaurants, Gosch, Café Wichtig und Blick aufs Meer.

Gerade zwölf Minuten hat der Weg gedauert. Aber sind es die Entbehrungen des Marsches, ist es die Erleichterung? Man muss jetzt und hier jedenfalls niedersinken und sich stärken, egal, womit, koste es, was es wolle, noch bevor an Strand und Meer zu denken ist – vielleicht auch stattdessen.

Ob das am Ende sogar Absicht ist? "Dann funktioniert es ja", sagt die Bedienung.