Der Boden im Eingang des Bundeshauses in Bern glänzt wie neu. Es riecht nach Putzmittel, und man hört nur die eigenen Schritte, wenn man über die Flure geht. Still ist es hier, sehr still. Eigentlich wird von diesem Gebäude aus die Schweiz regiert. Jeden Mittwoch treffen sich die Bundesräte, besprechen die wichtigsten Fragen des Landes und treffen Entscheidungen. Aber jetzt ist weit und breit kein Bundesrat zu sehen. Es ist Ferienzeit – offenbar auch im Bundeshaus.

Aber wer regiert uns denn dann im Sommer? Wer entscheidet, wenn Menschen bei einem Zugunglück in Not geraten und der Staat helfen müsste? Oder wenn eine Schweizer Bank in Schwierigkeiten gerät und die Ersparnisse von Tausenden Menschen geschützt werden müssen? Warten dann alle bis zum Herbst?

Natürlich nicht. Während wir in den Ferien an den Strand fahren, Sandburgen bauen und dicke Bücher lesen, arbeiten die Bundesräte weiter. Nur nicht im Bundeshaus. Stattdessen fliegen sie um die halbe Welt.

Justizministerin Simonetta Sommaruga besucht ein Flüchtlingscamp in Jordanien. Außenminister Didier Burkhalter ist nach Wien gereist, wo er über den Konflikt in der Ukraine wacht. Dort gibt es seit Monaten viel Gewalt und Streit. Unser Bundesrat versucht, den gemeinsam mit anderen zu schlichten. Auch die anderen Kollegen sind auf Achse: Doris Leuthard fliegt nach Amerika, und Eveline Widmer-Schlumpf reist gleich in mehrere Länder in Asien. Jetzt im Sommer besuchen sie ihre Politikerkollegen. Sie diskutieren mit ihnen, beraten sich, verhandeln. Zum Beispiel in Tokio. Dort besprach Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann, wie Schweizer Firmen in Japan noch bessere Geschäft machen könnten.

Ihre Handys haben die Bundesräte dabei immer eingeschaltet – außer natürlich im Flugzeug. Es ist Vorschrift, dass sie immer erreichbar sind. Wann die Handys klingeln, entscheidet ein hoher Angestellter der Bundeskanzlei. So heißt das Sekretariat der Regierung. Dieser Angestellte bewacht das Telefon, und wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert, das die Schweiz betrifft, kann er alle Bundesräte innert einer Stunde zusammentrommeln. Dann gibt es eine Telefonkonferenz, bei der die Bundesräte entscheiden, was getan werden soll.

Aber was passiert bei einem richtig großen Problem? Zum Beispiel, wenn Schweizer in einem fernen Krieg entführt oder als Geiseln genommen werden? Oder wenn in der Schweiz ein Flugzeug abstürzt? Dann wollen sich die Bundesräte persönlich treffen. Solche Probleme kann man nur schwer am Telefon lösen. Und die Menschen zu Hause sollen ja auch das Gefühl haben, dass ihre Regierung in einer Notsituation da ist und etwas tut.

Doch wie sollen sich die sieben an einen Tisch setzen, wenn der eine in Amerika und die andere in Asien ist? Ganz einfach: Der Bundesrat besitzt zwei eigene Flugzeuge. Diese heben ab, fliegen dorthin, wo der gesuchte Bundesrat ist, holen ihn ab und bringen ihn pünktlich nach Bern zur Sitzung. Dann wird diskutiert und entschieden.

Das passiert aber nur sehr selten. Normalerweise ist der Sommer im Bundeshaus in Bern sehr ruhig – und locker. Die Bundesangestellten, die nicht in den Urlaub gefahren sind, schlendern in Jeans oder kurzen Hosen oder Sommerkleid durch das Bundeshaus. Die Krawatte, der Anzug und das schicke Kostüm hängen im Schrank. Am Mittag bleibt nun immer Zeit für einen Schwatz. Nie ist die Terrasse des Cafés im Bundeshaus so gut besucht.

Viele Bundesangestellte lieben diese Zeit, weil sie endlich arbeiten können. Statt auf der faulen Haut zu liegen, erledigen sie all das, wofür sie sonst keine Zeit haben. Sie räumen ihr Büro auf, lesen Berichte, schreiben Konzepte, überdenken Ideen, hecken Strategien aus.

Ende Juli, also in diesen Tagen, kehren auch die Bundesräte von ihren Auslandsreisen zurück. Nun machen sie selbst Ferien. Die einen wandern in den Bergen. Andere kümmern sich um ihren Garten. Oder sie machen einen Abstecher nach Südfrankreich ans Meer. Allerdings haben sie dafür nur ein paar Tage Zeit, denn am 1. August werden sie alle gebraucht.

An diesem Freitag feiert die Schweiz ihren Geburtstag. Und bevor am Abend die Feuerwerkraketen am Himmel explodieren und die Höhenfeuer brennen, sind die Bundesräte gefordert: Sie halten Reden zum 1.August. Jeder Bundesrat muss mindestens einmal ran. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz, an das sich alle halten. Die meisten Bundesräte reden an diesem Tag sogar an mehreren Orten.

Und obschon die Schweiz so klein ist, brauchen die Bundesräte dafür einen Helikopter, der sie von einem Dorf ins andere fliegt. Sonst könnten sie den Terminplan nicht einhalten. Am meisten unterwegs ist in diesem Jahr Wirtschaftsminister Schneider-Ammann. Bereits am 31. Juli spricht er in Rorschach am Bodensee. Am Nationalfeiertag selbst spricht er an vier Orten und fliegt von der Innerschweiz ins Tessin und von da quer übers Land in den Jura.

Die Schweizer freuen sich, wenn die Bundesräte sie besuchen. Die setzen sich nämlich an diesem Tag zu den Menschen an die Festtische, beißen in Bratwürste und schwatzen mit ihren Sitznachbarn. Da kann man ein Autogramm von Alain Berset oder Ueli Maurer ergattern. Oder gar ein Selfie mit einem Bundesrat machen, um es auf Facebook zu teilen.

Doch bald schon müssen die hohen Politiker zurück nach Bern. Mitte August wird es im Bundeshaus wieder ernst: Die Angestellten tragen wieder Krawatte, Anzug und Kostüm, eine Besprechung jagt die nächste, die Handys klingeln, Menschen rennen gehetzt durch die Gänge, schwere Aktenstapel unter den Armen.

Und im holzgetäferten Bundesratszimmer treffen sich wieder jede Woche sieben Damen und Herren – und regieren die Schweiz.