Als der Bild-Chefredakteur Kai Diekmann 2012 für ein Jahr ins Silicon Valley auswanderte, sollte das eine Erweckungsreise werden. Wie Goethe sich einst in Italien neu erfand, so hoffte auch Diekmann: Dort zu wohnen, wo Google, Facebook und Apple sitzen, das könnte ihm die digitale Revolution näherbringen. Inzwischen floriert ein regelrechter Erweckungsreisenbetrieb: Das Konstrukt Silicon Valley soll den alten Eliten helfen, ihren Machtverlust aufzuhalten. Sie können jetzt auf exklusive Cocktailpartys gehen, wo die Vibrationen spürbar sein sollen, die ihre Geschäftsmodelle erschüttern. Und dort haben sie ihren Heimvorteil: Zugang durch Status und die richtigen Leute kennen, das ist das Spiel, das sie noch beherrschen. Das Valley liegt ihnen mehr als der Umgang mit ortlosen Programmen und Codes.

Die Auswirkungen dieser Valleyfizierung lässt das neue Buch der ehemaligen Bild-Klatschreporterin Katja Kessler erahnen: Silicon Wahnsinn: Wie ich mal mit Schatzi nach Kalifornien auswanderte. Mit "Schatzi" ist ihr Ehemann Diekmann gemeint, den sie zusammen mit den Kindern begleitet hat. Erkenntnisse über die digitale Zukunft sucht sie kaum. Einmal benutzt sie einen Jeans-Vermessungscomputer, ein anderes Mal setzt sie sich in eine Vorlesung an der Universität Stanford, fühlt sich aber gleich viel zu alt dafür.

Für sie sind Nerds nicht die neuen Herrscher der Welt, sondern immer noch vertrottelte blasse Brillenträger. Was sie interessiert: die Eigenarten der Amerikaner, die nordkalifornische Landschaft und die Mütter-Netzwerke an der deutschen Schule im Valley. Im Chicklit-Unterhaltungsroman, wie Katja Kessler ihn so gut beherrscht, mit seinen semitraditionellen Rollenmustern, wäre alles andere auch fehl am Platz. Hier funktioniert das Silicon Valley als eine beliebige bürgerliche Kurzaussteigerfantasie. Der Silicon-Wahnsinn ist eigentlich nur der in diesem Genre beliebte "ganz normale Wahnsinn". In der Logik einer Society-Reporterin geht das Spiel auf. Weltzentrale der Digitalisierung oder Adelshochzeit, egal: Hauptsache, mal dagewesen sein, dort, wo einen das trügerische Gefühl beschleicht, hier passiere gerade Geschichte.

Es bleibt die Frage: Was, wenn auch Diekmann und die anderen nur der Society-Logik des Unterhaltungsromans verfallen sind? Am Ende ist schließlich jede Computer-AG eines deutschen Kleinstadt-Gymnasiums näher dran an der Zukunft als jemand, der horrende Mieten zahlt, um neben Google zu wohnen, aber trotzdem nicht programmieren kann. Am zukunftsfähigsten sind in Silicon Wahnsinn übrigens die Kinder von Diekmann und Kessler. Die spielen auf dem iPad immer Minecraft, das wahre Spiel der Digital Natives. Aber das kannten sie schon, bevor sie ins Silicon Valley ziehen mussten.

Am vergangenen Wochenende druckte die Süddeutsche Zeitung einige Zeilen Programmiercode ab, in dem Text dazu schrieb die Programmiererin Anne Schüssler: "Wenn man zum Beispiel sowieso mit einem Sprachkurs liebäugelt, kann man durchaus auch überlegen, ob man sich nicht demnächst einfach mal mit dem Erlernen einer Programmiersprache beschäftigen möchte. Es lohnt sich." Vermutlich werden die wenigsten dieser Empfehlung folgen, aber wieder ein paar mehr für ein Jahr nach Palo Alto ziehen.