Zimmer drei ist dann jetzt frei, teilt uns die Rezeptionistin mit. Sie klingt wie eine gelangweilte Sprechstundenhilfe: Frau Bossong, bitte ins Labor. Es wird uns kein Schlüssel ausgehändigt, die Tür steht einfach offen. Ich habe Ekel erwartet oder wenigstens Befremden, aber in manchem Mittelklassehotel habe ich mich schon unwohler gefühlt, in den kargen Räumen mit 90-Zentimeter-Matratze und den Duschgeräuschen aus dem Nebenraum. Wir hören die Rezeptionistin auf dem Flur reden, aus den Nachbarzimmern dringt kein Laut. Weder Stöhnen noch Schreie, nicht mal Wasserplätschern. Die Wände sind rot gestrichen, leise Popmusik (Kelly Clarkson) beschallt den Raum. Es gibt nicht viel: ein Waschbecken, kein WC, ein Kissen, keine Decke, einen Mülleimer, ein leeres Schränkchen. Zwei Dinge aber gibt es zur Fülle: Spiegel und Zewa-Küchenkrepp.

Obwohl das Fenster mit Folie verklebt ist, dringt zu viel Tageslicht in den Raum. Ich ziehe die Vorhänge zu, dimme das Licht weiter herunter. Das Laken ist sauber und grau, ich habe Flecken erwartet, wenigstens einen Riss im Stoff. Dieses hier sieht aus, als sei es am Nachmittag bei Ikea gekauft worden. Das rote Licht aus der Deckenleuchte verleiht dem Ganzen einen milieuhaften Touch, und ich komme mir unweigerlich ein wenig flittchenhaft vor. Unter uns das Grau des Lakens, um uns die bordeauxfarbenen Wände, romantisch ist das höchstens für Menschen, die das Cover einer Kuschelrock-CD in Gefühlswallungen versetzt. Auf dem Rücken liegend, beobachte ich uns in den Spiegelkacheln über dem Bett, dort oben, wo sich schon unzählige Paare zugesehen haben bei ihrer gierigen, schamlosen oder auch tumben Lust.

Stundenhotel, gibt es das überhaupt noch? Dieser Gedanke ging mir durch den Kopf, als ich an einem Sommerabend gefragt wurde, ob ich eines in der Nähe kennen würde. Natürlich kannte ich keines, weder in räumlicher noch in zeitlicher Nähe. Intuitiv verbannte ich diesen Ort in die Sphäre einer patriarchal bürgerlichen Lebensform, aus der man zu Fontanes Zeiten mit Effi Briest ausbrechen wollte, gegen die man in der Generation meiner Eltern rebellierte und die es in einer vergleichbar autoritären Dominanz heute nicht mehr gibt, da selbst der Begriff "wilde Ehe" altertümlich anmutet, Ehebruch kein Straftatbestand mehr ist, offene Beziehungen propagiert werden und in Klubs spontan über die Sexkonstellation für die Nacht entschieden wird. Aber dieses Wort, Stundenhotel, hing mir nach, gerade weil es so wenig in die mich umgebende Lebenswirklichkeit zu passen schien.

Doch weit gefehlt: Es gibt sie noch, zahlreich mitunter in den Großstädten, gewaltig in der Bandbreite, vom schäbigen Verrichtungsraum in Straßenstrichnähe bis zum samtweichen Luxusetablissement. Man trifft auf den älteren Mann mit junger Begleitung ebenso wie auf die beiden Zwanzigjährigen, die sich gerade über eine Sex-App verabredet haben, es gibt Freier und Prostituierte, Ehemann und Geliebte, die Paare sind mal besser, mal schlechter miteinander bekannt. Aufs gemeinsame Frühstück kommt es ihnen jedenfalls nicht an.

Vielleicht sind es die Spiegel, die diese Orte ausmachen. Sie hängen an der Wand, an der Decke, über pompösen Polstermöbeln und zweckmäßigen Waschbecken. Große Flächen, kleine Rauten, Bullaugen, Herzen, Rechtecke in wuchtigen Rahmen. In jedem Raum betrachten sie die Gäste aus einem anderen Winkel, die sich so bei dem zusehen, was ungesehen geschieht. Hier muss man nichts mehr sein und nichts vorweisen, keinen Namen, keine Anschrift, keine Papiere, man hat nur noch Körper und Zeit. Die Stunde kostet zwischen 15 und 93 Euro, und draußen vor dem Eingang der "Pensionen" und "Gasthäuser" locken oft Schilder, "24h open" oder ähnliche Hinweise auf stetige Verfügbarkeit.

Früher sei man mit hochgeschlagenem Kragen reingekommen, heute nähmen es die meisten lockerer, erzählt der Rezeptionist und lächelt gutmütig. Auf dem Tresen stehen Salzstangen und eine Schale mit Bonbons, wie man sie auch aus anderen Hotels kennt. Die Pension liegt im ersten Stock eines Berliner Altbaus, hohe Decken, Stuck. Der Nollendorfplatz ist nur wenige Schritte entfernt. Seit 90 Jahren gibt es hier einen Hotelbetrieb, mit wechselnder Ausrichtung: Monteurszimmer, Pension, Stundenhotel.

Das Angebot an Spirituosen ist überschaubar. Campari. Cointreau. Whiskey. Auch Cola, Apfelschorle und Präservative kann man hier erwerben, vom Kondomautomat allerdings hat man sich verabschiedet, es musste zu viel weggeworfen werden, wegen des Verfallsdatums. An der Wand hängen Aktfotografien in Schwarz-Weiß, und auf einem Flachbildschirm läuft eine Vorabendserie. An der Bar halten sich die Gäste nur auf, wenn alle Zimmer belegt sind. Manchmal kommen zwei Paare beim Warten miteinander ins Gespräch, sie reden über Ärger im Büro, das Wetter, die WM, als stünden sie in der Warteschlange vor einer Supermarktkasse.