Wie sehr der Krieg im Osten der Ukraine eskaliert, haben die Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch (HRW) und Amnesty International sowie der UN-Kommissar für Menschenrechte beschrieben: Die Separatisten, teils russisch, im jedem Fall prorussisch, haben Hunderte Zivilisten entführt, mehr als 375 Menschen sind noch immer verschwunden. Die Milizen haben laut den Berichten gefoltert, hingerichtet, geraubt, sie verschanzen sich in Wohngebieten und machen Menschen zu Schutzschilden.

Doch HRW erhebt auch Vorwürfe gegen ukrainische Regierungstruppen. Sie sollen mit Grad-Raketen, einer Waffe aus Sowjetzeiten, auf Wohngebiete geschossen und Zivilisten getötet haben. Grad heißt Hagel; massenhaft werden die Raketen aus Batterien abgeschossen, breit gestreut und unpräzise, das macht sie so gefährlich. Die ukrainische Armee besitzt sie, die Separatisten auch. Doch bei mehreren Angriffen im Donbass mit mindestens 16 getöteten Zivilisten spreche die Beweislage dafür, so heißt es, dass ukrainische Regierungskräfte verantwortlich seien.

Die Regierung in Kiew dementiert. Und überhaupt: Sind nicht die Verbrechen der anderen das eigentliche Grauen?

Man könnte zustimmen. Sagen, dass der Tod von mehr als 16 Menschen in Kauf genommen werden musste, um das Schreckensregime der Separatisten zu beenden. Dass damit der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gewahrt, das Völkerrecht also nicht gebrochen sei. Aber eine solche Argumentation ist zynisch. Und gefährlich.

Sicher, es ist schwer, nach Regeln zu kämpfen, auf die der Gegner nichts gibt; zusehen zu müssen, wie er zu Mitteln greift, die das Völkerrecht verbietet. Doch genau da verläuft die Grenze zwischen rechtlosen Kämpfern und regulären Soldaten. Und wohl auch zwischen einem demokratischen Staat und einem autokratischen. Für ein Land wie die Ukraine, das noch um seinen Neuanfang ringt, seine Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erst erringen muss, wäre es fatal, wenn es das Geschehene einfach hinnehmen würde und seine Bataillone im Osten gewähren ließe.

Denn nur einmal angenommen, Kiew würde die separatistischen Kämpfer mit allen Mitteln besiegen – wie stellt sich die Regierung dann die Zukunft eines ukrainischen Donbass, eines ukrainischen Luhansk vor? Der Krieg im Osten wird befeuert von Russland, mitgetragen von lokalen Kämpfern, aber stumm ertragen von einer verunsicherten Mehrheit, von der längst nicht alle die Truppen aus Kiew für Retter halten.

Die Schlacht gegen die russische Propaganda ist zwar kaum zu gewinnen, und doch muss die Regierung in Kiew im Osten ihre Legitimität beweisen: nicht mit Raketen, sondern mit angemessener Kriegführung. Wer mit Menschen aus Kampfgebieten spricht, erfährt, wie mit der Zerstörung des Hauses oder mit dem Tod der Ehefrau die Haltung zu Kiew kippt – von Ambivalenz in Abneigung.

Da sind zum Beispiel die Bergarbeiter in einem Dorf im Donbass, von denen die meisten mittlerweile für eine Abspaltung ihrer Region sind, weil zu viel geschehen sei. Oder der Arzt in Luhansk, der einem Reporter am Telefon sagt, es sei die Hölle, man könne nirgends entkommen. Oder der Mann am Rande von Slowjansk, der nach der Rückeroberung durch die ukrainische Armee in sein zerstörtes Haus zurückkehrt und sich fassungslos fragt, ob so die Befreiung aussieht.