... unbedingt draußen!

Die Natur ist schön, aber unberechenbar. Das macht den Urlaub an der frischen Luft zur Waffe der Abenteuerwilligen

In unserem durchgetakteten Alltag ist die Überraschung ein seltenes Moment geworden. Nicht einmal mehr der Urlaub ist vom Diktat der Vorhersehbarkeit ausgenommen. Wir können über Webcams Tage vor der Abreise klären, welche Tattoostile am Strand gerade en vogue sind. Wir lesen in Bewertungsportalen, wie andere Urlauber die Sauberkeit der Toiletten fanden. Wir können uns in Street View anschauen, ob der Vermieter uns auch keine geschönten Fotos aus der Einflugschneise untergejubelt hat. Die Reiseplanung ähnelt zunehmend dem Verfassen eines Einkaufszettels: langweilig. Uninspiriert.

Wie gesegnet vom Gebot des Zufalls ist dagegen der Aufenthalt draußen. Eigentlich kann draußen ja nichts glattgehen. Denn die Natur ist schön, aber gegen uns.

Es werden Badeverbote an der Ostsee verhängt, wenn der Sinn auf einen Strandtag aus war. Es fliegen Mücken, wenn morgens die kurze Hose die Klamotte der Wahl war. Es regnet, wenn Sonne angesagt war. Es rieselt Sand in die Handytastatur. Es stören Hunde, Dreck, Lärm und Nachbarn, die glauben, sie könnten nachts am Lagerfeuer Tears in Heaven schmettern, ohne dass es nervt.

Draußen läuft eigentlich nichts, wie es soll. Sogar der Hamburger, im Umgang mit Gefahrengebieten bestens geschult, wird da wieder zum risikofreudigen Entdecker seiner selbst. Das ist inspirierend.

Auch, weil mit dem Aufenthalt draußen eine soziale und ästhetische Einebnung einhergeht. Denken wir nur an den Abend letztens, nach der Arbeit noch schnell am Oortkatener See: Im Badeanzug wird das Distinktionsmerkmal unseres Outfits auf ein winziges Stück Nylon geschrumpft. Der Mensch, der seine Scham hinter einem Stück Stoff vom Zuschnitt einer Zwille verbirgt, offenbart sich in seiner ganzen Verbeultheit und Blässe, die selbst in einer sozial gespaltenen Stadt wie Hamburg Arm wie Reich gleichermaßen bloßstellt.

Oder Fahrradfahren: Dabei biegen wir unseren Körper auf einem klapprigen Rahmen in die Form einer Büroklammer. Folgerichtig können wir auf dem Rad gar nicht gut aussehen. Erst recht nicht jene sportiven Charaktere, die sich freiwillig in Hosen pressen, die aussehen, als hätten sie eine Inkontinenzeinlage eingenäht.

Aber: Das macht nichts. Das macht uns nur frei. Sich nach draußen zu begeben ist die Waffe der Abenteuerwilligen. Diese haben im Urlaub nur einen berechtigten Anlaufpunkt: den Campingplatz.

Das Verweilen dort lässt sich ausnahmsweise nicht durchorganisieren. Es wirft den Menschen in seinen Urzustand als Jäger und Sammler zurück – denn die dominierenden Tätigkeiten auf dem Platz sind das Töten der Fauna, deretwegen man oft überhaupt in ein Land gereist ist, und das Suchen seiner Habe in den Untiefen des Rucksacks. Das mag anstrengend sein und zuweilen unwürdig, aber am Ende steht in der Regel ein greifbarer Erfolg, und sei es auch nur eine wiedergefundene Socke. Viele Tage im Büro bringen da weniger messbare Ergebnisse mit sich.

Sich in die Natur zu begeben bedeutet automatisch, den dauerhaften Kampf gegen sie aufzunehmen. Er ist zu gewinnen. Denn über uns waltet draußen kein Mensch. Nur der Himmel.

Von Charlotte Parnack