Um Viertel vor fünf wird es plötzlich laut vor dem Bildungsministerium in Kiel. Auf der Straße ist wildes Autohupen zu hören. Waltraud Wende steht von dem Konferenztisch auf, an dem sie sich gerade mit dem Präsidenten der Universität Lübeck unterhält, läuft zum Fenster und blickt aus dem achten Stock hinunter: "Sind das Lehrer, die gegen mich demonstrieren?" Sie grinst. Es ist lediglich ein Witz. Aber es hätte auch wahr sein können.

In den vergangenen zwei Monaten sind nicht nur Lehrer, sondern auch Schüler und Studenten wegen Wende auf die Straße gegangen. Für die regionalen Medien ist die schleswig-holsteinische Ministerin für Bildung und Wissenschaft ein Dauerthema. Für die Opposition ist sie eine Zumutung. Schon mehrfach hat sie Wende zum Rücktritt aufgefordert. Aber die denkt gar nicht daran. Warum auch? Sie habe doch viele wichtige Dinge angestoßen, findet sie. Keine andere Bildungsministerin in Deutschland ist derzeit so umtriebig – und so umstritten.

Waltraud Wende, die sich am liebsten "Wara" nennen lässt, arbeitet nach dem Prinzip: Wenn etwas gut ist, sollte man es auch umsetzen. Frauen in der Wissenschaft sollten Karriere machen, Lehramtsstudenten sollten nicht erst als Referendare ein Klassenzimmer betreten, Fachhochschulen sollten auch promovieren dürfen. Schulnoten sind nicht objektiv, deshalb sollte man sie abschaffen. Das sind alles keine anstößigen Forderungen. Problematisch ist nur, dass Wende sie alle gleichzeitig umsetzen will. Und zwar schnell.

Die Lehrerbildung hat sie gerade reformiert. Und dafür etwas getan, was sich in dieser Form noch niemand getraut hat: Sie hat sich mit den Gymnasien angelegt. In Schleswig-Holstein wird es in Zukunft nur noch ein Lehramtsstudium für die weiterführenden Schulen geben. Die so ausgebildeten Lehrer können also sowohl an Gemeinschaftsschulen als auch an Gymnasien unterrichten. Sie sollen nicht nur gute Fachlehrer sein, sondern auch gute Pädagogen. Ein Semester Praktikum im Masterstudium ist Pflicht.

Für die Reform müssen die Universitäten Kiel und Flensburg ihre Studienangebote umbauen. Das wird mehrere Millionen Euro kosten. Waltraud Wende sagt, die Studenten würden nun besser auf die Realität an den Schulen vorbereitet. Ihre Kritiker werfen ihr vor, sie wolle den "Einheitslehrer". Und damit das Gymnasium abschaffen. Wenn man alle Lehrer gleich ausbilde und vielleicht sogar gleich bezahle, wo liege dann noch der Unterschied? Diese Reform, sagt Waltraud Wende, sei ihr wichtigstes Projekt.

Aber längst nicht ihr letztes.

Derselbe Tag, einige Stunden früher. Waltraud Wende besucht das Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie in Itzehoe. Sie steigt vom Rücksitz ihres Dienstwagens, auf dem Vordersitz liegt ihr Terrier Wolpi. Wende plaudert mit ihrem Pressesprecher darüber, dass sie einen neuen Hundekorb braucht, dann mit den Forschern über das Konzert von Elton John in Kiel. Sie ist eine aufmerksame Zuhörerin. Sie lacht viel. Nickt zustimmend. Hakt sofort ein, wenn sie eine Frage hat, selbst wenn es nur um ein Detail geht. Häufig beginnt sie eine Nachfrage mit den Worten "Was ich nicht verstanden habe ...". In der Präsentation im Institut stimmt eine Zahl nicht. Wende weist den Redner darauf hin. Am Ende des Besuchs fasst sie zusammen, was sie mitnimmt und was sie verspricht. Sie klingt wie die Professorin, die sie jahrelang war.

In der Politik ist Waltraud Wende, 56, eine Seiteneinsteigerin. Sie hat Deutsch und Geschichte auf Lehramt studiert, dann eine Karriere als Literaturwissenschaftlerin eingeschlagen. Zehn Jahre lang lehrte sie als Professorin an der Uni Groningen. 2010 wurde sie zur Präsidentin der Uni Flensburg gewählt. "Unkonventionell" sei sie, heißt es von ehemaligen Kollegen in Flensburg, "energisch, durchsetzungsstark, konfrontativ". Was vielen dort von ihr hängen geblieben ist: Sie hat das Studium für Grundschullehrer reformiert. Kurz darauf bekam sie die Chance, die Bildung im ganzen Land zu reformieren.