Jetzt trifft Ebola auch die Helfer. Einer der wichtigsten Ärzte in Liberia starb am Wochenende, sein Kollege, der Infektiologe Sheik Umar Khan aus Sierra Leone, am Dienstag – bevor er zur Behandlung nach Hamburg ausgeflogen werden konnte. Weitere Mediziner haben sich angesteckt, einer soll auf dem Weg in die Isolierstation des Uniklinikums der Hansestadt sein. Das Ebolavirus, und zwar die gefährlichste Variante vom Typ Zaire, hat in Westafrika bereits an die 700 Menschen getötet. Nach Guinea, Sierra Leone und Liberia erreichte der Erreger Nigeria: Ein aus Liberia eingereister Mann starb in Lagos. Die dortige Klinik wurde sofort von der Umgebung isoliert.

Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Das gibt Grund zur Sorge. Frühere Epidemien haben gezeigt, dass Zaire-Ebola ein extrem aggressiver Killer ist. Im Jahr 2002 infizierten sich elf Menschen in der Republik Kongo, nur einer überlebte. Kurz darauf kehrte das Virus zurück, befiel weitere 143 Menschen und tötete 128 von ihnen – ein Todeszoll von glatt neunzig Prozent. Ein Ausbruch in einer übervölkerten Metropole wie der Küstenstadt Lagos könnte eine Katastrophe mit Zehntausenden Toten auslösen. Es würde zu Szenen kommen, die man sich nicht vorstellen möchte. Und wenn das Virus einen internationalen Flughafen erreichte, wie das Drehkreuz Lagos, und damit globale Reiserouten, was dann? Beschwichtigend sagen die Experten, dass ein importierter Fall hierzulande wohl schnell erkannt und isoliert würde und kaum weitere Opfer zu befürchten wären.

Das ist unsere Sicht, aus sicherer Distanz. Für die Menschen vor Ort sieht es hingegen so aus: Überall dort, wo die Trupps vermummter Seuchenbekämpfer auftauchen, flammt die Krankheit auf. Diese Fremden nehmen die Infizierten mit in die Isolierstationen, zurück kommen die meisten nur in Leichensäcken. Ihre Angehörigen sollen sie unter die Erde bringen, als wären sie Sondermüll: ohne die Körper zu berühren, sie zu waschen oder auch nur ein letztes Mal anzuschauen.

Wie sollen Menschen das tolerieren, die nichts wissen über die unsichtbare Gefahr durch Viren? Wenn sie die bittere Logik der Seuchenbekämpfung nicht verstehen können: dass ein Sieg über die Epidemie erfordert, alle Kranken und Infizierten zu isolieren? Kurzum, dass es nicht darum geht, ihre kranken Angehörigen zu retten, sondern nur darum, die Gesunden zu schützen.

Also wehren sie sich. In den betroffenen Gebieten schwelen ethnische Konflikte, die Lage ist labil. An vielen Orten können die medizinischen Helfer inzwischen nichts mehr ausrichten. Sobald sie erscheinen, werden sie bedroht. Die Menschen in den Dörfern pflegen derweil ihre Kranken selbst, infizieren sich und tragen den gefährlichen Erreger weiter.

Die traurige Wahrheit ist: Es gibt kein schnelles Rezept, um diese Todesspirale aus Angst, Unwissenheit, Misstrauen und dem tödlichsten Virus der Welt zu brechen. Ansteckende Krankheiten sind immer auch Elendskrankheiten. Die Mixtur dieser Miseren ist bestens bekannt: Krieg und Armut, Unwissen und Gläubigkeit (an Strafe oder an Hilfe durch irgendwelche Mächte) sind ein perfekter Nährboden für verheerende Epidemien. In den Ländern Westafrikas herrscht daran kein Mangel.

Dass Bildung und Wissen Leben retten können, ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Aber diese Epidemie, die wohl noch lange anhalten wird, ist eine weitere grausame Lektion: Wer nichts weiß, muss glauben. Und sterben, falls er es mit Ebola zu tun hat.