Wie das Wetter wird? Dominik Jung kann offenbar etwas, was andere Experten nicht können. Der Meteorologe scheint seherische Fähigkeiten zu besitzen. Denn er sagt im Frühjahr voraus, wie der Sommer wird; und er sagt im Herbst voraus, wie der Winter wird.

Für diesen Juni und Juli prognostizierte Jung Ende April warmes und trockenes Wetter, lediglich im Norden werde es im Juli etwas mehr Regen geben als üblich. Jung ist Redaktionsleiter der Website wetter.net und taucht mit seinen Vorhersagen regelmäßig in der Bild-Zeitung auf, ebenso in Tageszeitungen wie dem Münchner Merkur, dem Südkurier und der Augsburger Allgemeinen, außerdem beliefert er das Portal web.de. Auf Bild.de klang seine Prognose dann so: "Wetter: Kaum Regen. Meteorologe verspricht Weltmeister-Sommer". Tatsächlich war der Sommer bislang recht warm, aber der Juli brachte auch sehr viel Regen – ganz besonders in Süddeutschland. Das Finale der Fußball-WM sahen viele bei Schauerwetter.

Es war nicht das erste Mal, dass Jung danebenlag. Im Februar letzten Jahres rief er für den Mai einen "echten Wonnemonat" aus. Doch der war verregnet, am Ende gab es in vielen Teilen Deutschlands Hochwasser. Anfang September 2013 sagte Jung einen extrem kalten Winter voraus, dann werde die "russische Kältepeitsche im Süden am heftigsten zuschlagen". Tatsächlich wurde der Winter sehr mild, vor allem im Süden.

"Wir müssen diesen Unfug schleunigst beenden", sagt der Meteorologe Frank Böttcher vom Institut für Wetter- und Klimakommunikation in Hamburg. "Jung versorgt die Öffentlichkeit mit Fehlinformationen. Seine detaillierten Langfristprognosen sind schlichtweg Quatsch." Der Meteorologe Jörg Kachelmann widmet Jung auf Twitter einen eigenen Hashtag: #Vollpfostenmeteorologie. Auf Nachfrage bekräftigt Kachelmann seine Kritik an Jung und dessen schlagzeilenträchtigen Auftritten. Kritik gibt es aber nicht nur aus der Branche. Die Stiftung Warentest verlieh wetter.net im Frühjahr nach einem Test deutschsprachiger Wetterportale das Prädikat "schwächste Vorhersage".

Auf seine langfristigen Vorhersagen angesprochen, entgegnet Dominik Jung, er gebe lediglich "Jahreszeitentrends" heraus, "keine Jahreszeitprognosen". Ob ihm nicht klar sei, dass für Laien da kaum ein Unterschied erkennbar sei? Jung sagt: "Was manchmal daraus in den Medien gemacht wird, darauf habe ich keinen Einfluss." Warum er das Climate Forecast System des US-Wetterdienstes für seine monateweiten Blicke in die Zukunft benutze, obwohl er wisse, wie experimentell dieses sei? Er entgegnet: "Wozu soll ich dieses öffentlich zugängliche Modell totschweigen?"

Hinter dem Streit unter Fachleuten steckt die Frage: Was kann Meteorologie? Wann riskiert sie ihre Glaubwürdigkeit? Vor drei Jahren hat Frank Böttcher eine "Hamburger Erklärung" organisiert, die unter anderem die TV-Wetterexperten Inge Niedek, Sven Plöger und Christian Häckl unterzeichneten. Darin steht, langfristige Prognosen seien wissenschaftlich unhaltbar, sie schadeten dem Ruf aller seriös arbeitenden Meteorologen.

Prognosen über Monate hinweg? Manchmal hilft die Bauernregel

Es ist paradox: Auf der einen Seite werden die Modelle genauer, die Computer stärker, die Vorhersagen besser. Auf der anderen Seite steht die Erfahrung der Verbraucher: Die Wettervorhersagen der praktischen Onlineportale und Smartphone-Apps haben oft wenig mit dem echten Wetter zu tun. Woran liegt das? Und warum kann man nicht weiter als ein paar Tage in die Zukunft schauen?

Vorweg: Am Klimawandel liegt es nicht. Zwar war der Winter 2013/14 von Eskapaden des Jetstreams geprägt, einer Höhenströmung, die Nordamerika wochenlange Eiseskälte und Europa Milde bescherte (ZEIT Nr. 03/14). Einigen Forschern gilt dies schon als eine Folge des Klimawandels, die möglicherweise auch die Kapriolen des aktuellen Wetters beeinflusst. Als Erklärung für die defizitären Prognosen reicht die atmosphärische Anomalie aber nicht aus. Das Problem ist der Zeitrahmen der Vorhersagen selbst.

Denn nur die nahe Zukunft des Wetters wird seit Ende der sechziger Jahre immer berechenbarer. Das zeigt eine aktuelle Auswertung des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Dafür haben die Meteorologen ihre Luftdruckprognosen seit 1968 mit den tatsächlichen Verläufen von Hoch- und Tiefdruckgebieten verglichen und herausgefunden: Der Luftdruck der kommenden Woche lässt sich heute korrekter vorhersagen als vor 45 Jahren jener für den kommenden Tag. Hochs und Tiefs sind die elementaren Parameter der Zunft, sie bringen Wind, Wolken, Regen oder Sonne – das ist für den Bürger natürlich viel interessanter als Hektopascal und Wetterfronten. Und eine Temperaturvorhersage gilt dann als gut, wenn sie von der Realität nicht stärker als 2,5 Grad abweicht. Das gelingt heute bei einer stabilen Wetterlage schon für eine ganze Woche. Mit Regen und Schnee ist es generell schwieriger, und bei manchen Gewitterlagen versagen schlicht die Computer, denn Gewitter entstehen auf kleinstem Raum und sind höchstens Stunden im Voraus vorhersagbar.

Wie verlässlich eine aktuelle Prognose ist, das ermitteln Meteorologen mithilfe von sogenannten Ensemble-Vorhersagen. Das Wettergeschehen ist chaotisch, schon kleine Schwankungen in den Ausgangsdaten können zu völlig verschiedenen Ergebnissen führen. Daher muss der Computer mindestens 20-mal mit leicht veränderten Anfangsbedingungen rechnen. Nur bei 20 ähnlichen Resultaten gilt die Prognose als zuverlässig. Starke Unterschiede signalisieren Unsicherheit. Die tritt manchmal schon bei Vorhersagen für drei Tage auf, häufiger bei solchen für sieben und sehr oft bei Prognosen für zehn Tage. Zwei Wochen zuverlässig vorauszuschauen gelingt so gut wie nie. Genau deshalb sind Langfristprognosen über Monate hinweg in der Regel unsinnig.