Wenn Thomas Hölker aus seiner Haustür tritt, wehen über ihm Transparente von den Balkonen. "Auch wir Rentner wollen bleiben", steht auf weißen Laken, "Wir sind keine Ware" oder "Immobilien-Haie swim home!". Hölker hat monatelang gehofft. Wenn es schlecht läuft für ihn, dann muss er demnächst seine Umzugskisten packen.

Hölker, 54, randlose Brille, gebügeltes weißes Hemd, sieht nicht aus wie ein Häuserkämpfer. Aber seit die Wohnung, in der er lebt, zum Verkauf angeboten wurde, steht er im Zentrum eines heftigen Streits. Es geht um das Haus, in dem er wohnt, und um die Investoren, die sich dafür interessieren. Vor allem aber geht es um den Eigentümer, der das Haus verkaufen will: die Bundesanstalt für Immmobilien-Aufgaben, kurz Bima, eine Behörde mit Sitz in Bonn, die kaum jemand kennt, die aber zu den größten Immobilieneigentümern in Deutschland gehört. Derzeit kann die Bima nach Angaben der Bundesregierung über rund 40.000 Wohnungen frei verfügen.

Eine davon ist Thomas Hölkers Wohnung in Berlin-Schöneberg. Dort, in der Katzler- und Großgörschenstraße, will die Bima 48 Wohnungen und zehn Ladenlokale verkaufen. Für 7,1 Millionen Euro – das zumindest ist die Summe, mit der sie bewertet werden, und der Marktwert ist für die Bima entscheidend. Vielleicht wird es aber auch mehr. In einer Broschüre der Bima heißt es: "Der Verkauf erfolgt zum Höchstangebot."

Viele Bewohner haben Angst, dass soziale Kriterien beim Verkauf überhaupt keine Rolle spielen. Dass sie von den neuen Eigentümern aus ihrer Wohnung geworfen werden oder künftig deutlich mehr zahlen müssen. Viele von ihnen sind Rentner, Bauingenieure, Medienleute. Oft zogen sie in den neunziger Jahren her, der Bonn–Berlin-Umzug trug viele als Bundesbedienstete in die neue Hauptstadt. Hölkers Vormieter etwa arbeitete im Auswärtigen Amt. Der Wohnraum im staatlichen Mietshaus war und ist günstig. Bis heute zahlt Hölker für seine 66 Quadratmeter große Wohnung mit einfacher Ausstattung 275 Euro Kaltmiete im Monat. "Wenn der Investor kommt, wird der sich freuen", sagt Hölker. Er fürchtet massive Mieterhöhungen.

Seit 2006 hat die Bima durch den Verkauf von Wohnungen bundesweit rund 1,7 Milliarden Euro eingenommen. Allein in Berlin will sie neben den Wohnungen in Schöneberg bis 2017 noch weitere rund 1.100 Wohnungen veräußern. Die Behörde untersteht dem Bundesfinanzministerium und überweist dem Bund jedes Jahr Geld – 2012 waren es 2,5 Milliarden Euro. Die Frage ist: Darf die Bima das? Darf der Staat seine Wohnungen auf einem überhitzten Immobilienmarkt wie Berlin einfach meistbietend verkaufen? Sollte er nicht verantwortungsvoller handeln als ein gewöhnlicher Immobilienhai?

Die Antwort scheint klarer denn je: Ja. Immerhin hat sich die schwarz-rote Koalition auf eine gesetzliche Mietpreisbremse geeinigt. Das Ziel: Wohnen soll bezahlbar bleiben, auch für Geringverdiener in begehrten Stadtvierteln.

Trotzdem fürchtet Thomas Hölker um seine Wohnung. Als Ort für ein Gespräch wählt er, seiner Stimmung entsprechend, das nahe gelegene Friedhofscafé. Wie die Wohnungen ist auch das Café etwas heruntergekommen. Hölker legt eine Petition auf den Tisch, die er im Namen einer Mieterinitiative an den Bundestag gerichtet hat. Darin steht: Die Bima soll keine Wohnimmobilien mehr zum Höchstgebot verkaufen dürfen. Stattdessen sollten sie "ausschließlich an gemeinnützige, kommunale Wohnungsbaugesellschaften oder Genossenschaften" verkauft werden. Ein Weiterverkauf an private Investoren müsse verboten werden.

Hölker ist kein Revoluzzer, er ist Architekt, ein Mann der kühlen Analyse. Er kann die Bima sogar verstehen. "Klar, aus deren Sicht ergibt ein Verkauf Sinn", sagt er. "Wir Mieter erwirtschaften vergleichsweise wenig Gewinn. Und in der Behörde sitzen junge Betriebswirte, die nur die nächsten fünf Jahre im Blick haben." Dabei könnten, so glaubt er, dem Staat auf lange Sicht hohe Kosten entstehen, sollte es mit den Mieten drastisch nach oben gehen. "Einige Mieter müssten Grundsicherung beantragen, andere Wohngeld", sagt Hölker. "Ob sich das mittelfristig rechnet? Ich glaube nicht."