Alinas Kopf ist auf den Tisch gesunken. Sie atmet tief und gleichmäßig. Es ist neun Uhr morgens, in der Klasse 7 B der Stadtteilschule Finkenwerder herrscht Stille. Das Licht ist ausgeschaltet, eine Kerze flackert. Kein Stiftekratzen ist zu hören, kein Schulranzengeklapper, kein Kichern.

Eine Stimme dringt durch den Raum: "Dein Atem fließt ruhig und gleichmäßig. Du bist vollkommen entspannt ... und wenn du wieder da bist, gehst du voller Elan und Energie in den Rest des Tages."

Die Schüler heben langsam ihre Köpfe. Manche reiben sich die Augen, strecken sich. "Na, wer möchte jetzt wieder ins Bett?", fragt Ilan Mizrahi und lacht. Mizrahi ist Entspannungstrainer an der Hamburger Gesamtschule. Und was die Schüler gerade gemacht haben, nennt sich "Herrscher der Zeit". Mit dieser Übung sollen die Kinder lernen, schöne Augenblicke aus ihrem Leben hervorzurufen und diese gedanklich zu verlängern. Eine Art Fantasiereise. Oder wie es in der Fachsprache heißt: ein Mentaltraining.

Seit vier Jahren gibt Ilan Mizrahi im Rahmen des Ganztagsunterrichts Relaxing-Kurse für Schüler der Unter- und Mittelstufe. Er konkurriert dabei mit Angeboten wie Schmuckdesign, Comiczeichnen und Hip-Hop. Trotzdem ist der Kurs voll, es gibt mehr Bewerber als Plätze. Die Schüler scheinen die Ruhe zu brauchen.

Vor zwei Jahren erschien eine Studie des Deutschen Kinderschutzbundes, die Eltern, Lehrer und Medien verstörte. Ein Viertel aller befragten Kinder, alle zwischen sieben und neun Jahren alt, gab an, sich regelmäßig gestresst zu fühlen. Vor allem die Schule – die Überforderung durch Hausaufgaben, Lehrkräfte oder Noten – sei schuld daran. Fast zwei Drittel der befragten Kinder äußerten den Wunsch nach Entspannung. Älteren Schülern geht es ähnlich: Laut einer 2011 erschienenen Studie der Leuphana Universität Lüneburg leidet fast jeder dritte Schüler zwischen elf und 18 Jahren unter depressiven Stimmungen, bedingt durch Schulstress und Leistungsdruck.

Auch die Schüler der Klasse 7 B an der Stadtteilschule Finkenwerder klagen über Kopfweh, Bauchweh und Druck. "Ich fühle mich oft gestresst, weil ich viel zu tun habe", sagt die zwölfjährige Alina. Sie hat die Entspannungsübungen aus der Schule auf einer CD. "Dann kann ich zu Hause besser einschlafen und habe morgens mehr Kraft, um aufzustehen." Auch Mina wendet die Übungen zu Hause an. "Wenn ich nach der Schule Kopfschmerzen habe, reibe ich die Hände, bis sie warm werden, und lege sie dann an Nacken und Stirn." Klassenarbeiten, Hausaufgaben, Notendruck, ein Schultag von acht Stunden – vielen Kindern wird das einfach zu viel.

Junge Menschen, die schon mit zwölf Jahren unter Symptomen leiden, die man mit gestressten Managern verbindet. Kann das sein? Verlangt die Schule den Jugendlichen zu viel ab? Oder steckt dahinter eine übertriebene Vorsorge für eine Schülergeneration, die es nicht gewohnt ist, Leistung zu bringen? Vielleicht haben die Schüler von heute ja gar nicht mehr Arbeit, sondern empfinden das nur so?

Eine Antwort auf diese Fragen gibt es bislang nicht, denn Vergleichsstudien über verschiedene Schülergenerationen hinweg liegen nicht vor. Allerdings spiele das keine Rolle, sagt Arnold Lohaus, Stressforscher an der Universität Bielefeld. Ob gefühlter oder realer Stress, die Folgen seien für die Kinder dieselben. "Wiederkehrende Bauch- und Kopfschmerzen sind Signale, die ernst genommen werden müssen. Wenn Schüler leiden und ihren Alltag nicht mehr bewältigen können, läuft etwas falsch." Entspannung alleine reiche aber nicht aus, um das Problem zu lösen, sagt der Forscher. "Lerntechniken und Zeitmanagement müssten behandelt werden, und auch der richtige Umgang mit Medien ist ein wichtiger Punkt."

Das sieht auch Ilan Mizrahi so. Er ist sich sicher, dass die Ursache des Problems nicht alleine in der Schule zu suchen ist. "Ich glaube nicht, dass der Lernstoff anspruchsvoller ist als früher." Wenn sich Schüler überfordert fühlen, hat das seiner Meinung nach vor allem mit dem intensiven Medienkonsum zu tun – und damit, dass die Eltern in dieser Hinsicht zu wenig Grenzen setzen. "Das Letzte, was die Schüler am Tag wahrnehmen, sind ein paar Millionen Pixel auf dem Computerbildschirm oder ihrem Handy." Die Folge: Die Kinder können nicht mehr abschalten und verarbeiten, was sie am Tag gelernt haben. "Sie sind völlig überreizt. Im Gehirn sind sie ständig online", sagt Mizrahi. Die Schüler wachen gerädert auf, sind unmotiviert und unkonzentriert.

Darum gehören zu Mizrahis Unterricht auch jene Themen, die Arnold Lohaus wichtig findet: Medienkompetenz, Kommunikation und Lerntechniken. Neben Yogaübungen und Antikopfschmerztraining lernen die Schüler viel Theorie: Was ist Stress? Wie entsteht er? Was passiert in Körper und Gehirn, wenn wir uns gestresst fühlen?

"Je mehr Kinder wissen, wie sie sich entspannen können, desto seltener sind sie gestresst." So simpel fasst es eine Studie des Kinderschutzbundes zusammen. Ilan Mizrahi sagt es mit einem Bild: "Der Geist ist wie ein Muskel: Ist er acht Stunden angespannt, gibt er irgendwann einfach auf." Er wünscht sich ein Schulfach "Entspannung" von der ersten Klasse an. Auch Arnold Lohaus sagt, dass ein frühes Aneignen von Bewältigungsstrategien von Vorteil sei. "Je älter man ist, desto schwieriger wird es."

In anderen Ländern hat man Entspannung schon als Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Besonders populär ist das Programm Massage in Schools, bei dem sich Grundschüler in England und Australien unter Aufsicht gegenseitig massieren. Auch in Deutschland scheint langsam ein Umdenken stattzufinden. An so mancher bayerischer oder Berliner Schule gehören Yogaübungen im Klassenzimmer mittlerweile zum gewohnten Bild. Eine Wuppertaler Gesamtschule hat einen Ruheraum eingerichtet, in dem Schüler und Lehrer mit einer Therapeutin mehrmals wöchentlich Übungen zur Muskelentspannung und Meditation machen. Einige Kindergärten bieten sogar Yogaeinheiten für die Kleinsten.

Die Pausenglocke klingelt, und die Schüler der 7 B rennen auf den Schulhof. Ilan Mizrahi bleibt im Klassenraum zurück und sieht ihnen nach. "Ich kann die Schüler nur für das Thema sensibilisieren und hoffen, dass sie die Übungen bei Bedarf abrufen können." Denn eines sei sicher: Weniger werde der Stress nicht.