Doch die Anziehungskraft der AfD speist sich nicht nur aus der Abgrenzung zum Islam, sondern auch aus Biografien wie der von Frauke Petry. 1989, kurz vor der Wende, zog Petry, damals noch ein Teenager, mit ihrer Mutter aus Brandenburg ins westfälische Bergkamen. Sie studierte in England und Göttingen Chemie, promovierte und gründete 2007 in Leipzig eine Firma, die im vergangenen Jahr Insolvenz anmeldete. Heute leitet Petry das Nachfolgeunternehmen. Sie ist verheiratet mit einem Pfarrer und hat vier Kinder. Petry schafft es, scheinbar Unvereinbares zusammenzuzwingen: protestantischen Wertekonservatismus und DDR-Nostalgie. "Wir brauchen Politiker, die den Mut haben, das Wort einer ›aktiven Bevölkerungspolitik‹ in den Mund zu nehmen", sagte sie zum Wahlkampfauftakt Ende Juli in Berlin. Sie empfahl ein neues gesellschaftliches Leitbild: die Drei-Kinder-Familie. Auf die "guten Seiten der Familienpolitik in der DDR" dürfe man sich ruhig besinnen. So etwas kommt gut an im Osten.

In der sächsischen AfD haben – neben den üblichen Verschwörungstheoretikern und christlichen Fundamentalisten – auch Mitglieder des nivellierten Mittelstands eine politische Heimat gefunden: Ex-Richter, Polizisten, langjährige CDU-Stadträte, Freiberufler. Sie alle eint die Furcht vor dem sozialen Abstieg und die Wut auf Politiker, die weit weg von ihnen regieren, in Brüssel oder Berlin. Doch während sich diese Wut im Westen vor allem in der Euro-Krise niederschlug, kommt hier in Sachsen etwas spezifisch Ostdeutsches hinzu: der Rückgriff auf die Revolutionsrhetorik von 1989, mit der die AfD vor der Bevormundung und Verblendung durch "die da oben" warnt. Generalsekretär Wurlitzer verglich die AfD in einem Interview kürzlich mit der Bürgerrechtsbewegung in der DDR: "Ähnlich wie vor 25 Jahren ist es diesmal die AfD, die vor allem hier in Leipzig totgeschwiegen wird."

Der Partei gelingt in Ostdeutschland ein erstaunlicher Spagat: Sie erklärt sich zur Erbin der 89er Revolution und gleichzeitig zur Bewahrerin der "guten Seiten" der DDR. So spricht sie nicht nur ehemalige NPD-Wähler an, sondern auch Wähler der Linkspartei, der zweitstärksten Fraktion im Sächsischen Landtag. Als möglicher Koalitionspartner kommt dennoch am ehesten die CDU infrage. Die regiert in Sachsen seit 2009 mit der FDP. Ob die Liberalen es Ende August noch einmal in den Landtag schaffen, ist ungewiss. Rein rechnerisch könnte die AfD die FDP locker ersetzen. Umfragen sehen die Union derzeit bei 42 Prozent, mit der AfD könnte es zur Mehrheit im Parlament reichen. Ministerpräsident Stanislaw Tillich hält sich mit Kritik an der AfD bislang zurück, ein Bündnis schließt er – anders als mit NPD und Linken – nicht aus.

Der sächsischen AfD ist Tillichs Offenheit aber gar nicht so recht. "Wir hoffen, dass der Kelch an uns vorübergeht", sagt Generalsekretär Wurlitzer, "weil wir alle noch lernen müssen." Bekäme die AfD in Sachsen Avancen von der CDU, müsste Landeschefin Frauke Petry klar Position beziehen. Genau das hat sie bislang vermieden. Sie will die Linken nicht verschrecken und auf die Stimmen der Rechten nicht verzichten. Die AfD gibt sich staatstragend – Verantwortung tragen will sie nicht.

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